Gerade noch rechtzeitig zum Goethe-Jahr kommt dieses aufregende Buch, das den Blick freigibt auf ein sehr anderes Weimar als das der gelehrten Festredner, ein Weimar der an Goethe Gescheiterten – und das sind vor allem seine nächsten Angehörigen: der Sohn, dessen Frau Ottilie und deren Kinder, alle mit gebrochenem Lebensmut und verwüsteten Herzen. Noch 23 Jahre nach Goethes Tod ist das Trauma, Enkel des Dichterfürsten zu sein, so stark, daß Ottilies Sohn Walther befiehlt, daß jeder vom ihm geschriebene Brief nach der Lektüre sofort verbrannt werden muß. An eine Freundin schreibt Ottilie 1849: "Ich habe immer gedacht, wenn in früheren Zeiten in manchen Ländern der Brauch herrschte, Frauen, Sklaven und die kostbarsten Besitztümer auf dem Grabe eines Königs oder Heiden zu opfern, (daß) diese Sitte für die Familien berühmter Männer noch immer zu bestehen scheint." Das ist auf Weimar gezielt; nachdem Ottilie dem Schwiegervater 15 Jahre lang das Haus geführt, ihm die vielen Weimar-Pilger aus aller Welt zugeführt oder vom Halse gehalten hat, muß sie nach seinem Tod erkennen, daß alle, die sie umschwärmten (die sich deshalb als kultureller Mittelpunkt Weimars fühlen mußte), doch immer nur zu IHM wollten, daß sie nicht mehr als eine Art Vorzimmerdame war, die jetzt nicht nur ihres geistigen Umgangs beraubt ist, sondern auch aller materieller Mittel, die für diesen die Voraussetzung wären. Doch sie, die sich jetzt als "Bettlerin von Weimar" bezeichnet, hatte seinerzeit ja auch keineswegs August gemeint, sondern diesen dem Vater zuliebe geheiratet, der sie bereits als Fünfzehnjährige für seine kleine Singegemeinschaft entdeckt hatte und der nun froh war, seinen vormals unehelichen Sohn mit einer Adeligen, Ottilie von Pogwisch, verheiratet zu wissen (Jedermann übersieht leicht, daß durch diese Verbindung gar manche gute und angenehme Verhältnisse angeknüpft werden", Goethe an Knebel). Die Ehe mit einem, der von Beruf Sohn und dazuhin (oder deswegen) ein wüster Trinker und gelegentlich auch Schläger war, wurde fürchterlich, was niemandem in Weimar verborgen blieb außer Goethe selbst ("Von meinen jungen Leuten kann ich nur Erfreuliches melden, die paßten zusammen, und wenn sie sich auch nicht liebten"). Als August 1830 zusammen mit Eckermann zu einer Italien-Reise aufbrach, schrieb Ottilie an ihre engste Vertraute Adele Schopenhauer: "Wenn ich mir denke, daß ich August nicht wiedersehen könnte, so empfinde ich auch nicht die leiseste Bewegung". Das Schicksal meinte es gut mit ihr, sie sah August nie wieder, er starb in Rom an einer Hirnhautentzündung. Ottilie überlebte ihn um 42 Jahre. Die Goethe-Forschung hat sich mit dieser Ottilie bisher immer nur ziemlich widerwillig und – als wäre Ottilie mit Goethe gestorben – nur für den Zeitraum ihres Lebens mit Goethe befaßt. Den Philologen galt diese Frau als haltlos – schließlich war sie ein Leben lang heftig verliebt, vorwiegend in englische Weimar-Besucher, und bekam von einem solchen nach Goethes Tod noch eine uneheliche Tochter! – und gleichzeitig als zu ehrgeizig, dichtete sie doch selbst und gründete sogar eine Zeitschrift, die sich, ausgerechnet in der guten Klassikerstube Weimar, "Chaos" betitelte, zu deren Mitarbeitern aber immerhin Carlyle, Thackeray, Chamisso, laMotte Fouqué, Wilhelm Grimm, Rahel Varnhagen und Goethe selbst samt seinem Eckermann zählten. Wie schlecht schon zu Lebzeiten Ottilies Ruf gewesen sein muß, erhellt der erschreckende (auch in seinem Antisemitismus erschreckende) Brief der doch als gütig und aufgeklärt geltende Droste-Hülshoff, die nach dem Tod von Ottilies Tochter Alma ohne weiteres dem Gerücht Glauben schenkt, Ottilie habe ihre eigene Tochter vergiftet, um an deren Vermögen – Goethe hatte das seine den Enkeln, nicht aber der Schwiegertochter vermacht – heranzukommen! Die von Ulrich Janetzki mit bewundernswerter Akribie zusammengesuchten Ottilie-Dokumente – Briefe von ihr, an und über sie, Tagebuchblätter, Gedichte – zeichnen das Porträt einer ebenso komplizierten wie leidenschaftlichen Frau, die in ihrem Unabhängigkeitsdrang ihrer Zeit weit voraus war, sich aber Männern konfrontiert sah, die nur Männer ihrer Zeit waren und deshalb in ihr nicht mehr als ein attraktives Medium eines Denkmals zu erblicken vermochten. Nicht verwunderlich, daß sie sich weigerte, 1849 zur Feier von Goethes 100. Geburtstag nach Weimar zu kommen, sie hatte die Nase voll. Drei Jahre zuvor hatte ihr Sohn Walther einen seiner zum Verbrennen bestimmten Briefe an sie so geendet: "Als Goethes Enkel, als Dein Sohn... will ich von den Menschen nicht mehr behandelt werden!"

"Ottilie von Goethe – Goethes Schwiegertochter". Ein Porträt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ulrich Janetzki; Ullstein Taschenbuch Nr. 30138. Ullstein Verlag, Frankfurt u. Berlin, 1982; 204 S., 9,80 DM.

Peter Hamm