In den neu Tagen seiner spanischen Pilgerreise konnte Johannes Paul II. nicht immer die Spuren Don Quichottes, doch manche Schatten der Vergangenheit umgehen. Spaniens demokratische Gegenwart hat er abgesegnet.

Der Papst bezeugte schon vom ersten Augenblick an seinen "Respekt vor den gewählten Vertretern des spanischen Volkes" und machte damit sein Bekenntnis zum weltanschaulichen Pluralismus glaubhaft. Das hinderte ihn nicht an seiner Kritik an der spanischen, längst nicht mehr so ganz katholischen Gesellschaft; er beschränkte sich nicht darauf, die katholische Ehe- und Familiendoktrin einzuschärfen.

Vor Arbeitern und Unternehmern in Barcelona forderte er rundweg eine "Revision des Wirtschaftssystems in seiner Gesamtheit"; eine "globale und nicht nur auf Sektoren beschränkte Planifikation der Produktion" sei notwendig, sogar auf "internationaler Ebene". Sein Stichwort "Solidarität", mit dem er Unternehmer trotz Krise und Verlusten zum Durchhalten, Arbeiter zum Maßhalten aufforderte, wirkte eher polnisch-romantisch als realistisch in einem Land mit 1,8 Millionen Arbeitslosen.

Von der Utopie hin zur Realität bewegte er sich hingegen mit seiner Europa-Vision, die er in Santiago de Compostela fast dramatisch neu formulierte: "Ich, Johannes Paul, ich, der Sohn der polnischen Nation, die sich immer als europäisch betrachtet hat, als slawische unter lateinischen Nationen, als lateinische unter slawischen – ich richte an Dich, Europa, einen Ruf der Liebe: Finde Dich selbst wieder, sei Du selbst! Erneuer Deine Ursprünge im vollen Respekt anderer Religionen und echter Freiheiten. Gib dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist."

Mit diesem auf Staat und Kirche bezogenen Bibelzitat leitete der Papst dann über von seiner rein missionarischen Sicht europäischer Gemeinsamkeit auf eine praktisch diplomatische Betrachtungsweise: Wenn sich nämlich Europa im Respekt vor seinen Unterschieden, "einschließlich der politischen Systemunterschiede", zusammenschließe, dann werde der Kontinent seiner ständigen Bedrohung durch Krieg und atomaren Holocaust entkommen.

Die Rolle, die dabei seine Kirche übernehmen soll, grenzte der Papst sehr genau ein. Einerseits erinnerte er in ihre diplomatischen Aktivitäten und Beziehungen "mit möglichst vielen Staaten" und ihre Beiträge zur KSZE; andererseits versicherte er, daß "die Kirche für sich selbst nicht mehr gewisse Positionen der Vergangenheit", also keine Machtpositionen beanspruche, ja, daß dies heute "total überwunden" sei. Freilich vermied er eine deutlich kritische Bewältigung jener Vergangenheit Spaniens, die im Zeichen kirchlicher Inquisition und Intoleranz ganze Jahrhunderte verdunkelt hat. Die Gegenwart triumphierte in jedem Sinne.

Unter stürmischen Wolken rattere der Hubschrauber mit dem Papstwappen dann über die baskischen Berge. Aufgeschreckt liefen die Schafherden auf den Hochalmen auseinander. Doch der fliegende Oberhirte aus Rom konnte sicher sein, daß selbst auf den entlegensten der 16 Landeplätze seiner Reise Menschenmassen zusammenströmten. Eine Nation jubelte ihm zu, in deren "Katholizität" sich soan manche Ungläubige oder Antiklerikale wiederzuerkennen schienen. Sie alle umlagerten begeistert die Altäre und Tribünen, auch dieser viele nicht wahrnahmen, daß dieser ernste, gealterte, stets übermüdete Mann nicht mehr der "Superstar" seiner ersten drei Pontifikats- und Reisejahre ist.