Sagen Sie nicht, wir seien am Ende. Das unterhaus‘ wird kämpfen, auch publizistisch. Mainz lebt nicht nur auf seinen Plätzen, sondern auch in den Katakomben, allemal, wenn es wie hier altrömische Kellergewölbe sind", mahnte der Hausherr Ce ef Krüger flehentlich, flankiert von den beiden Mitstreitern Renate Fritz-Schillo (Kindertheater & Finanzen) sowie Artur Bergk (Technik & Gastronomie).

Daß er flehte, sagt schon alles: Das stolze Mainzer "unterhaus" sucht Beistand. Es ist pleite – was besagt: überschuldet und illiquide und bar jeden Kredits, bei Kreditinstituten jedenfalls. Das einzige Brettl der Bundesrepublik, das als Gastspielstätte in geradezu idealer zentraler Lage einen ständigen Überblick über die verwirrend vielfältige Szene der Liedermacher, Kabarettisten und Kleinkünstler deutscher Zunge ermöglicht, in West und Ost, muß zum Jahresende schließen. Es sei denn, die Verantwortlichen – Kulturbürokraten, Banker, Medienzaren, Politiker aller Sparten und Couleur – befiele doch noch die Einsicht, daß diese Blamage selbst mit einem vielfachen Werbekostenaufwand nicht wieder abzuwaschen wäre von der in Rhein-Main angesagten "Kultur des citoyen

Mit diesem Schlagwort versucht der neue Spitzenkandidat des wiedererstandenen Mittelstandsblocks in Hessen, Walter Wallmann nämlich, die Abkehr von der "kompensatorischen Förderung" alternativer Kulturstätten und Kulturformen schmackhaft zu machen, die Hilmar Hoffmann, im Amt verbliebener Kulturheroe der sozial-liberalen Reformbewegung, einst mit dem Schlagwort "Kultur für alle" eingeleitet, aber nicht zu Ende geführt hat.

Zugegeben: Mainz ist nicht Hessen. Dazwischen liegen der Rhein und eine Konfessionsgrenze. Doch seit beiderseits des Rheins derselbe rechte Wind weht, trennt die Landesgrenze nicht mehr so scharf.

Die Sache zuerst: Das Mainzer "unterhaus" also, dieser Keller mit zwei Bühnen und doppeltem Boden, wurde während der Kulturrevolte der sechziger Jahre von studentischen Brettlkünstlern gegründet – "die Polizisten" hieß man vom 31. Januar 1966 an erst, dann "die R(h)einfelder" (September 1966). Name und Einrichtung wurden in den siebzehn Jahren seit Bestehen zu einem Begriff für deutschsprachige Kleinkunst. Im weniger 1974 bestätigte eine Umfrage der kaum weniger legendären Zeitschrift "song", daß die betroffenen deutschsprachigen das Mainzer "unterhaus" im deutschsprachigen Raum am höchsten schätzen. standen. hatte es seine erste Finanzkrise gerade bestanden. Und, kaum daß es sich im Januar 1973 zu einem professionellen Geschäftsbetrieb gemausert hatte (und bald auch ein obligatorisches Kinder- und Jugendtheater mit Renate Fritz-Schillo betrieb), stiftete das Mainzer Trio Februar 1973 einen Deutschen Kleinkunstpreis. Heute, nachdem der Berliner "Wecker" letztes Jahr zu Tode kam, ist; die "unterhaus-Glocke" wieder der einzige Kleinkunstpreis. Als erster erhielt ihn Hanns Dieter Hüsch, damals ein dem Niederrhein zugereister Lokalmatador, der dem Keller auch als Bürdesstar die Treue hielt, bis heute. Er will jetzt kostenlos gastieren, wie viele andere auch.

Seit Herbst 1978 spielt das Mainzer "unterhaus" im jetzigen Doppelgewölbe. Ein Jahr drauf wurde bereits die Traumschwelle von 100 000 Besuchern im Jahr überschritten. Damit begannen neuerliche Finanzprobleme, die sich mit der Rezession im vorigen Jahr drastisch vergrößerten. Mehr als zehn oder zwölf Mark Eintritt sind in der Landstadt Mainz, Landeshauptstadt oder nicht, einfach nicht möglich, erwiesen Versuche. Stadt und Land zusammen aber mochten ihren Zuschuß nicht über 220 000 Mark jährlich steigern – bei einem Gesamtumsatz von immerhin 1,5 Millionen Mark, den das "unterhaus" verbucht.

Keine Spielstätte in Rhein-Main hat ein vergleichbar günstiges Einspielergebnis. Daran ist kaum etwas zu verbessern. Im Gegenteil; würde das "unterhaus" seine Auslastung noch über diese 84 bis 86 Prozent vergrößern, hieße das, den künstlerischen Anspruch zu senken. Es verlangte nämlich den Verzicht auf das "Sprungbrettl", auf das Vorstellen und Fördern noch unbekannter Gruppen und Einzelgänger. Eben das will es nicht.