Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1982, Herausgeber Statistisches Bundesamt in Wiesbaden, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart und Mainz, 780 Seiten, 88 DM.

Billig ist diese geballte Ladung von Zahlen nicht gerade, preiswert ist sie dennoch. Denn was hier für 88 Mark auf fast 800 Seiten erworben werden kann, ist eine Art Röntgenbild – oder besser: eine Sammlung von Röntgenbildern – der Bundesrepublik.

Wer wissen und analysieren will, was sich in den vergangenen Jahren auf so unterschiedlichen Gebieten wie Bevölkerung, Wahlen, Erwerbstätigkeit, Unternehmen und Arbeitsstätten, Außenhandel, Rechtspflege, Sozialleistungen oder Umweltschutz ereignet hat, kann dies und vieles mehr dem jüngsten Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes entnehmen – jedenfalls so weit, wie sich diese Entwicklungen und Ereignisse in Zahlen ausdrücken lassen. Ergänzt wird die statistische Übersicht über diese und viele andere Themenbereiche wie in jedem Jahr durch einen besonderen Abschnitt über die DDR (33 Seiten stark) und durch internationale Übersichten (129 Seiten).

Abgesehen von der Schwierigkeit, detailliertes und aussagefähiges statistisches Material über den anderen deutschen Staat zu beschaffen, macht auch das Statistische Jahrbuch immer wieder deutlich, wie weit die Teilung in vielen Bereichen schon fortgeschritten ist. Das Bundesamt muß deshalb in einer Vorbemerkung darauf hinweisen, daß vielfach mit anderen Bezeichnungen und systematischen Gruppierungen gearbeitet wird. Ein Vergleich der west- und ostdeutschen Zahlen sei deshalb oft nur mit Einschränkungen möglich, Die Genossen wollen sich eben nicht in die Karten sehen lassen. Konkrete Vergleiche mit der Bundesrepublik haben sie schon immer gescheut, Da ist es oft leichter, Daten aus Haiti oder Kamerun zu bekommen als aus dem anderen Teil Deutschlands.

Das statistische Röntgenbild der Bundesrepublik läßt nicht nur die Zahl der Beamten, Schüler oder Gastarbeiter, den Bestand an Schleppern in der Landwirtschaft oder auch der Schlacht- und Masthähnchen aus deutschen Landen erkennen. Das Statistische Jahrbuch ist auch ein Spiegel der Wirtschaftskrise. Es macht die bedrückende Entwicklung am Arbeitsmarkt deutlich und dokumentiert, daß 1981 zum erstenmal die wirtschaftliche Gesamtleistung geringer war als im Vorjahr. Bis dahin war der Wohlstand in der Bundesrepublik noch in jedem Jahr gestiegen – wenn auch mit unterschiedlichen Zuwachsraten.

Die Zahlenreihen enthalten aber auch manche Überraschung. Wer hat beispielsweise bei all dem Krisengerede und den bescheidenen Einkommenserhöhungen der letzten Jahre bemerkt, daß die Arbeitnehmer im Verteilungskampf wieder deutliche Geländegewinne erzielen konnten? Ihr Anteil am Volkseinkommen, der bis 1974 fast in jedem Jahr gestiegen war und schließlich 72,6 Prozent erreicht hatte, war bis 1979 wieder auf 70,9 Prozent zurückgefallen. Doch schon 1980 lag er wieder bei 72,4 und im vergangenen Jahr erreichte er mit 73,6 den bisherigen Nachkriegsrekord. Trotz der vielgepriesenen Zurückhaltung bei den Tarifverhandlungen haben die Gewerkschaften also die Position ihrer Klientel beim Kampf um den Kuchen deutlich verbessert.

Wer das Statistische Jahrbuch aufmerksam durchblättert, findet in den – sehr übersichtlich gegliederten – Tabellen eine Fülle ähnlicher Informationen und Überraschungen, die oft so gar nicht zu landläufigen Meinungen und Vorurteilen passen wollen.

Michael Jungblut