Von Jes Rau

Der einfachste Weg aus einer Sackgasse ist normalerweise "zurück, marsch, marsch". Sich an diese Pfadfinderweisheit zu halten, fällt der Regierung in Washington außerordentlich schwer. Der jetzige Bewohner des Weißen Hauses ist, mit Verlaub, ein charmanter Dickschädel, der sich im Recht weiß und dessen Sorge vor einem Gesichtsverlust eines chinesischen Kaisers der Ming-Dynastie würdig gewesen wäre.

Berücksichtigt man zudem den manchmal kindlich-naiv, dann wieder wilhelminisch bramarbasierend vorgetragenen Wunsch dieser Regierung nach einer unbestrittenen Führungsrolle der USA, dann begreift man, wieso der Disput um die sowjetische Erdgas-Pipeline nach Westeuropa zu einem Sprengkörper der westlichen Allianz werden konnte.

Als abzusehen war, daß das Lieferembargo gegen den Bau der Leitung zu nichts als Ärger mit den Alliierten führen würde, hätte ein Mann wie beispielsweise Gerald Ford die ganze Aktion sicherlich längst abgeblasen. Ronald Reagan hingegen weitete das Embargo kurz nach dem Wirtschaftsgipfel von Versailles auf alle ausländischen Firmen aus, die Gaskompressoren und andere Zulieferteile für die Pipeline nach amerikanischen Lizenzen bauen.

Wie ein um die eigene Autorität besorgter Schulmeister, der aufmüpfigen Pennälern die Ohren lang zieht, belegte Reagan die ungehorsamen Firmen in Frankreich, Italien und Großbritannien, die ihre Aufträge an die Sowjetunion trotzdem abwickelten, mit zum Teil harten Sanktionen. Als die von AEG-Kanis gefertigten Turbinen den Hafen von Bremen verließen, traf Reagans Bannstrahl zum ersten Mal auch eine deutsche Firma.

Der Bann kann jetzt nur gebrochen werden, wenn sich der Disput aus der Welt schaffen läßt. Hoffnungen darauf weckten Äußerungen des italienischen Ministerpräsidenten Giovanni Spadolini. Nach einem offensichtlich angenehm verlaufenen Gespräch mit dem US-Präsidenten in der vergangenen Woche erklärte der joviale Italiener gegenüber der Presse im Weißen Haus, daß die Beilegung des Konfliktes "sehr nahe" gerückt sei, seit die USA ein neues Konzept für den Umgang mit Moskau entwickelt hätten.

Spadolinis Optimismus wird allerdings nicht allgemein geteilt. Ein deutscher Diplomat räumte ein, daß durch Spadolinis Besuch in Washington einige Fortschritte erzielt worden seien. Eine Einigung – und damit die Aufhebung der Sanktionen – sei bisher aber noch nicht in Sicht.