Die angemaßte "Hinrichtung" eines unglückseligen, eines wegen Kindermordes nach einem Sexualverbrechen Angeklagten, hat einen solchen Strudel an publizistischer Hysterie und Habgier, an Exhibitionismus und Mißachtung des Rechts in Drehung gesetzt, daß weniger aufgeregten und um einen geordneten Strafprozeß besorgten Beobachtern die Haare zu Berge stehen: Die Hauptverhandlung gegen Marianne Bachmeier in Lübeck droht in diesen Strudel gerissen zu Werden, zum Schaden des Rechts, der Justiz, der Prozeßbeteiligten – und der angeklagten Frau.

Schon am ersten Tag hat der Gerichtsvorsitzende das stundenlang in den Saal drängende Publikum und die Journalisten nach langem Warten und Körperkontrolle düpiert: Vorsätzlich hat er den Prozeß nach sieben Minuten wieder abgeblasen. Am nächsten Prozeßtag gab es dazu – die Seltsamkeit verstärkt sich – eine "Erklärung" des Vorsitzenden. Er, der die Saalgewalt inne hat, habe befürchtet, daß die Zuschauermassen eine ernsthafte Verhandlung unmöglich machten. Auch die Belästigung für die Angeklagte hat er in seiner Erklärung nicht vergessen.

So gibt eins das andere. Was wunder, daß die Verteidigung keinen fairen Prozeß erwartet, daß sie Einstellung des Verfahrens beantragt, daß sie die Justiz in Lübeck gar als "Nebentäter" bezeichnet: Wer kann schon ohne Schaden aushalten, was das "öffentliche Interesse" hier an Schamlosigkeit und Perversion zustande bringt? Illustrierte, Zeitungen und das Fernsehen verscherbeln das im "Selbstbedienungsladen" Justiz Gewonnene bedenkenlos an Torheit und Vorurteil, die schon immer steigende Auflagen garantierten. Das wäre in unserer Geldgesellschaft nichts Arges, wenn die Grenzen in etwa eingehalten würden.

Hier werden sie nicht eingehalten, und so muß man den Vorsitzenden Richter Bassenge noch in Schutz nehmen, wenn die Reflexe und Folgen der Medien-Gier ihn in Angst versetzen und den Prozeß ins Schlingern bringen. Die Bild- Zeitung, von journalistischem Ethos nicht berührt, geschweige denn von den Grundsätzen des Presserats, hat unverfroren eine Liste der Prozeßbeteiligten publiziert. Bei dem rührseligen Trend ihrer Berichte zugunsten der Angeklagten ("Mutter Bachmeier") läßt sich vorstellen, was in der Post der Richter und Staatsanwälte zu finden ist.

Daß der Stern mit seiner exhibitionistischen und peinlichen Serie zeitlich und inhaltlich auf beschämende Weise in die Hauptverhandlung hineingreift, wundert den nicht, der sich an andere massive Rechtsverletzungen der Kollegen erinnert. Auch Alice Schwarzer machte in Emma auf unerträgliche Weise deutlich, wie wacklig sie zum Recht steht, wenn nur ein Emanzengesichtspunkt auftaucht: "... daß man Recht nicht unbedingt erschießen, aber zumindest doch erkämpfen muß".

Gewiß, die Bestandteile des entsetzlichen Falles Grabowski/Bachmeier müssen große öffentliche Anteilnahme erwecken. Junge Mutter erschießt mutmaßlichen Mörder ihrer kleinen Tochter; dies im Gerichtsaal, wo natürlich die Justiz versagt, wie die archaischen Instinkte sofort wissen; das unterschwellige schlechte Gewissen aller gegenüber den Kindern in dieser Gesellschaft; die sofort rumorende Frage nach der Todesstrafe; die mitleiderregenden Lebensläufe der Figuren, die von Reportern kaum mehr als Menschen, sondern nur noch als Ausbeutungsobjekte betrachtet werden: Jeder, der darüber schreibt, verstärkt die Verkrampfungen.

Nur: Viele wissen es nicht, und viele wollen keine Grenzen beachten. In England haben Journalisten, die ungenau über anhängige Prozesse schreiben, die Unerörtertes aufwühlen, über die Strategie der Verteidigung berichten oder eigene Ermittlungen vorzeitig wiedergeben, Bestrafungen wegen Mißachtung des Gerichts ("Contempt of court") zu fürchten. Wir glauben, in der Bundesrepublik liberaler sein zu können. Wir trauen deutschen Richtern zu, sich auch mit öffentlichem Unsinn, Vorurteil und Indiskretion kühl auseinanderzusetzen. Aber für Lübeck muß sich der Zorn über diese maßlose Schädigung des Strafprozesses den "Contempt of court" manchmal herwünschen.