Ich habe den Film dreimal gesehen, und jedesmal habe ich geweint." Dies sagte Henry Kissinger über die amerikanische Fernsehserie "Holocaust". Die Familiensaga im Hollywood-Stil vergegenwärtigt das Schicksal der millionenfach im Dritten Reich ermordeten Juden. Im Januar 1979 lief sie in den dritten Programmen des Deutschen Fernsehens. Die Sehbeteiligung war mit 41 Prozent extrem hoch. Am Ende hatten zwanzig Millionen Westdeutsche den Film gesehen. Während der Podiumsdiskussionen des WDR riefen etwa dreißigtausend Zuschauer an. Neuntausend Briefe füllten ganze Container. Sie enthielten nicht bloß Zustimmung oder Kritik, sondern auch Erinnerungen, Dokumente, Augenzeugenberichte. Ein ganzes Volk war plötzlich aufgewühlt. Nicht nur Henry Kissinger weinte damals.

Die ARD, die hasenherzig die Serie in die dritten Programme geschoben hatte, versprach, als das Publikumsecho übermächtig wurde, "Holocaust" im Hauptprogramm zu wiederholen. Dies geschieht jetzt, dreieinhalb Jahre danach: am 14., 16., 17. und 21. November.

Vielleicht wird die Sehbeteiligung diesmal nicht so groß sein wie damals, aber viele werden den Film zum ersten Mal sehen, vor allem die Zuschauer aus der DDR. Vielleicht wird die Diskussion diesmal nicht so erregt und tiefgehend sein, aber es werden dieselben Fragen nach Antworten verlangen. Die erste vor allem: wie konnte "es" passieren? Und die zweite: Darf ein so trivialer, kitschiger Film es wagen, ein derart ungeheuerliches Thema darzustellen, mit den undifferenzierten Mitteln der Fernsehserie konsumierbar zu machen? Und die dritte Frage: Ist die Emotion, die der Film auslöst, eine richtige, wünschenswerte Emotion, die andauern und einen Aufklärungsprozeß in Gang setzen könnte?

Als ich damals "Holocaust" sah, erging es mir wie vielen. Mit nachlässiger Neugier schaltete ich den Apparat ein. Verstört schaltete ich ihn wieder aus. Ich hatte geglaubt, Bescheid zu wissen. Ich kannte die Bücher von Golo Mann und Joachim Fest, ich hatte Adorno gelesen und mich mit Faschismustheorien beschäftigt. Aber es ist ein Unterschied, ob man etwas weiß oder ob man etwas fühlt. Notwendig ist beides: die Kenntnis und die Emotion. Der Mangel nahezu aller deutschen Versuche, sich mit Auschwitz zu befassen, bestand darin, daß sie das Unbegreifliche in Begriffe fassen wollten. Sie analysierten und erklärten. Sie vermochten es nicht, das Schicksal der Ermordeten so darzustellen, daß man sich damit identifizieren mußte. "Holocaust" gelang das.

"Die Ermittlung" von Peter Weiß, ein Dokumentardrama über den Auschwitz-Prozeß, die vielleicht wichtigste künstlerische Arbeit an diesem Thema, läßt das Unbegreifliche unbegreiflich. Das Stück zeigt: Was in Auschwitz geschah, überschreitet die Dimension des Menschlichen und damit Verständlichen. "Holocaust" verkleinert das Schreckliche und erreicht gerade dadurch unser Gefühl und unser Verständnis.

Dieser Widerspruch hat damals vor allem die Kulturkritiker in Zorn gebracht. Es durfte nicht sein, daß ein derart "schlechter" Film solche Folgen hatte. Wie kann aus dem ästhetisch Falschen etwas Wahres hervorgehen? Mir scheint, daß dieses Argument mit der klassischen Idee des "Wahren, Guten, Schönen" zusammenhängt. Es glaubt, daß nur das ästhetisch Richtige imstande sei, zum moralisch Guten zu gelangen, und umgekehrt. Also könne nur die Kunst zur Erkenntnis führen, und das Triviale eben nicht, weil es Lüge sei. Das scheint mir fraglich. Das Böse, Finstere, das Verderbende und Verdorbene ist der modernen Kunst, von Georges Bataille bis Thomas Bernhard keineswegs fremd. Und der Grundvorbehalt der Kulturkritik gegen alles, was trivial ist, entspringt nicht selten jenem Hochmut, der nicht gelten lassen will, was Millionen gefällt.

Vielleicht ist Adornos berühmtes Diktum, es könne nichts Wahres im Falschen geben, wie letztlich jeder Aphorismus, einseitig: Vielleicht ist es doch möglich, daß aus dem Falschen Wahres kommen kann. Ulrich Greiner