Umweltbelastung als Handelsware

Von Lutz Wicke und Franzjosef Schafhausen

Als das Volkswagenwerk vor fünf Jahren seinen amerikanischen Produktionsbetrieb im Bundesstaat Pennsylvania aufbaute, geriet es in den Genuß einer besonderen Umweltschutzbestimmung. Die Amerikaner nennen das Verfahren emissions trading – Handel mit Verschmutzungsanteilen.

Für Volkswagen sah das so aus: Das Werk in Pennsylvania wollte jährlich 900 Tonnen Kohlenwasserstoff freisetzen. Die für den Staat festgelegte Höchstgrenze der Luftverschmutzung wäre damit überschritten worden. Doch nach den amerikanischen Bestimmungen gab es einen Ausweg. Sobald die pennsylvanische Staatsregierung an anderer Stelle die Luftverschmutzung reduzieren konnte, ließen die Gesetze die Sünden von VW zu. Die Regierung entschloß sich deshalb kurzerhand, im landesweiten Straßenbau ein neues Verfahren einzuführen, mit dem jährlich 1025 Tonnen Kohlenwasserstoffe weniger emittiert werden. Der Handel war perfekt: Die amerikanische Umweltschutzbehörde genehmigte das Volkswagenwerk und erreichte gleichzeitig, daß die Luft in Pennsylvania insgesamt jetzt um 125 Tonnen Kohlenwasserstoff im Jahr reiner geworden ist.

Diese Variante der amerikanischen Luftreinhaltepolitik wurde schon 1976 eingeführt und soll jetzt nach und nach auch auf andere Umweltprobleme übertragen werden.

Emissions trading mit all seinen Varianten ist zum Synonym für eine flexible, an ökonomischen Kriterien ausgerichtete Umweltpolitik geworden. Der amerikanischen Industrie hat das bis Ende 1982 etwa eine Milliarde Dollar an Kosten erspart. Und sollte das Prinzip in Zukunft überall angewandt werden, so können nach Berechnungen der Umweltbeamten die Kosten der Luftreinhaltung sogar um zehn Milliarden Dollar gesenkt werden. Dazu wird als Nebeneffekt die Qualität der Luft noch verbessert, sagt die amerikanische Umweltschutzbehörde.

Kein Wunder, daß auch die Bonner Regierung auf diese Entwicklung aufmerksam geworden ist. In einem deutsch-amerikanischen Forschungsprogramm läßt sie derzeit untersuchen, ob die Ideen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch hier von Nutzen sein könnten. Gerade den Umweltpolitikern ist nämlich mittlerweile klar geworden, daß in wirtschaftlich schlechten Zeiten mehr Umweltschutz nur mit gleichem – oder besser – mit geringerem Aufwand durchgesetzt werden kann.