Den Liebenden ist langweilig – dabei steht die Hochzeit erst bevor. Der Bräutigam ist ein bärtiger Schönling im schicken Sommermantel, die Braut trägt ein langes Goldglitzerkleid und auf dem bleichgeschminkten Gesicht eine Sonnenbrille. Die Braut heißt Hippolyta, der Bräutigam Theseus – er ist der Herzog von Athen. Veronika Bayer und Rüdiger Hacker spielen ihre Auftritte in Roberto Ciullis Mülheimer Inszenierung des „Sommernachtstraum“ wie einen letzten Akt von Edward Albee, wer hat Angst vor William Shakespeare?

Etwas später sieht man die beiden Schauspieler in anderen Rollen wieder, verändert haben sie sich kaum, ihr Elend ist nur ein wenig gealtert: Hacker spielt Oberon, den König der Elfen, als einen cholerischen Trinker, Veronika Bayer die Elfenkönigin Titania als böse Alte mit Krückstock. Furcht und Elend im Zauberreich.

Aber es gibt auch andere Liebespaare, richtig junge Menschen, sie heißen Lysander und Hermia, Demetrius und Helena. Sie werden in der Athener Sommernacht aneinander-, durcheinandergeraten, ihre Liebe wird sich in Haß, ihr Haß sich in Angst verwandeln – bis sie am nächsten Morgen, ernüchtert, reif sind für die Hochzeit.

„Heiraten ist der Tod der Hoffnung“, sagt Woody Allen in seinem jüngsten, seinem Sommernachtstraumfilm. Die Liebenden in Ciullis Shakespeare-Inszenierung sind schon vor der Hochzeit alte Leute: die Jünglinge im Frack, die Mädchen in kurzen, grellbunten Röckchen, angetreten alle wie zum Tanzturnier. Ein Rausch ist ihre Liebe längst nicht mehr (wenn sie je einer war) – man schaut einander verdrossen in die bekannten Gesichter und hat dabei die bekannten, kaum noch gemischten Gefühle. Die niedlichen Elfen (Spinnweb und Bohnenblüte, Motte und Senfsamen) hat Ciulli gestrichen; dafür geistern nun, die Schatten von Pina Bausch und Botho Strauß durch die riesige Mülheimer Stadthalle.

Gralf-Edzard Habben hat die Bühne erfunden: Wände aus weißem Tuch, am Fuß der Hinterwand ein meerblauer Neonstreifen, auf der fast leeren Spielfläche ein paar unordentlich arrangierte Gartenstühle, rechts („der Hof“) eine Tafel mit Champagnerflaschen, links („der Wald“) ein kleiner Hügel aus Moos, mit Gladiolenblüten bestreut.

Die Aufführung ist, sehr sichtbar, ja demonstrativ, eine zeitgenössische – das ist ihr Reiz und ihr Risiko. Sie schlägt noch einmal eine vielleicht längst gewonnene, vielleicht aber immer schon geisterhafte Schlacht: gegen den „romantischen“, den von den Romantikern verfälschten, von ihren Epigonen auf dem deutschen Stadttheater verhunzten Shakespeare. Sie beruft sich dabei noch einmal auf Jan Kotts Streitschrift Shakespeare- heute“ – die heute, bald zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen, zwangsläufig auch schon wieder eine Schrift von gestern ist.

Der Zauberwald: ein leerer, weißer Raum. Die Menschen am Hof, die Geister in der Natur: Stadt- und Waldneurotiker allesamt. Rauhreif in der Sommernacht. Demetrius (Reinhart Firchow), ein endlos langer, heillos verklemmter Mensch mit Brille, kriegt gleich einen Schrei- und Ekelkrampf, wenn seine Freundin (Feindin) ihn körperlich attackiert. Lysander hingegen (Volker Roos) ist ein aktiver Psychopath. Einmal nähert er sich der Geliebten bedrohlich mit einem silbernen Taschenmesser – da wirft ihm der unsichtbare Puck ein Spielzeugauto hin, und sofort vergißt der Mann das weibliche Objekt seiner Begierde, rutscht über den Fußboden, spielt besessen Auto wie ein kleines Kind.