Lange Zeit hat er sich erfolgreich gegen seine Kritiker gewehrt, nun ist er das Opfer seiner Gegner geworden: Santiago Carrillo, seit über zwanzig Jahren Chef der spanischen Kommunisten

Das Gericht ließ nicht lange auf sich warten. Allein Santiago Carrillo, so befand die Kommunistische Partei, trage Schuld an der vernichtenden Wahlniederlage. Nur vier Mandate sind den Kommunivier in den Cortes geblieben; zwanzig Sitze weniger als bei den zwanzig vor drei Jahren. Über eine Million Wähler hatten statt eine tiago Carrillo den Sozialistenführer Felipe Gonzalez gewählt.

In einer stürmischen Sitzung des Exekutivkomitees fielen auch die letzten Kampfgefährten von Carrillo ab, für dessen Verbleiben an der Parteispitze am Ende nur die fast neunzigjährige Dolores Ibarruri plädierte.

Der Rücktritt Carrillos markiert einen Wendepunkt in der Entwicklung des spanischen Eurokommunismus, dessen Ideologie Carrillo immer wieder gegen den sowjetischen Alleinvertretungs-Anspruch und gegen innerparteiliche Gegner verteidigt hat. Der 67jährige Parteichef aus Asturien, früher einmal glühender Stalinist, wollte einen Kommunismus mit freiheitlichdemokratischem Antlitz; entschiedener als Spaniens Sozialisten votierte "Don Santiago" für die parlamentarische Monarchie. Diese von staatspolitischer Vernunft geprägte Entscheidung hat viel zu seinem Ansehen beigetragen; seine Partei gewann ab 1977 zunächst immer neue Wählerschichten.

Carrillo propagierte seinen von Moskau verketzerten Euro-Kommunismus indes stur und unnachsichtig. "Das Wort ‚kommunistisch‘ ist heute ein fast altmodischer Begriff geworden", urteilte Fernando Clauain, den der autoritäre Carrillo schon 1964 aus der Partei geworfen hatte. Solange er Partei mit seinem eurokommunistischen Kurs hatte, blieb Carrillo unangefochten; erst als sich Spaniens angefochten; Arbeiterpartei als ersozialistische Links-Partei etablierte, erhielten seine Gegner etablierte, Am Ende ging es Carrillo so, wie er seine Intimfeinde jahrelang wie handelt hatte: Er wurde beiseite geschoben.

Sein Nachfolger, der 37jährige Gerardo Iglesias, wird sich zunächst von dem Verdacht freimachen müssen, allzu willfährig die Linie des Demissionierten fortführen zu wollen. Der neue PCE-Chef gilt als Gefolgsmann Carrillos, dem er den Aufstieg zum Chef des Parteibezirks von Asturien verdankt. Der strebsame Autodidakt, der aus einer kommunistischen Bergarbeiterfamilie stammt, besitzt Rückhalt bei den Mitgliedern der Gewerkschaftsorganisation Comisiones Obreras; er hat sich am Kampf gegen "intellektuelle Goldschnäbel" und prosowjetische Carrillo-Gegner beteiligt. Auf ihn wartet nun eine undankbare Aufgabe: Er muß Spaniens Eurokommunisten von der Angst befreien, schon bald zur Randgruppe in der spanischen Demokratie degradiert zu werden.

Volker Mauersberger (Madrid)