Die Tschechoslowakei hat sich wieder eines ihrer bedeutenden Künstler entledigt. Der weltbekannte Maler, Schriftsteller und Collage-Künstler Jiři Kolař, der seit 1978 in Paris lebt, wurde von einem Prager Gericht zu einem Jahr Gefängnis und der Konfiskation seines gesamten Vermögens verurteilt. Kolař hatte 1977 ein Stipendium des DAAD in Berlin wahrgenommen und im Anschluß daran die Erlaubnis erhalten, sich für einen zweijährigen Studienaufenthalt in Paris niederzulassen. Nach Ablauf dieser Zeit beantragte der Künstler eine Verlängerung, die ihm zunächst auch zugesagt wurde. Das Art-Centrum, die staatliche Kunsthandelsgesellschaft der ČSSR, versprach sogar, ihm diese Erlaubnis für längere Zeit zu verschaffen, wenn Kolař seine beträchtlichen Honorare über diese Organisation abrechne. Seine Frau reiste nach Prag, um die notwendigen Papiere zu beschaffen, während Kolař selbst in Paris blieb.

Daraus drehte ihm nun das Gericht einen Strick. Der Künstler habe sich illegal im Ausland aufgehalten und werde deshalb nach § 109 des tschechoslowakischen Strafgesetzbuches verurteilt. Dies bedeutet praktisch die Zwangsausbürgerung für den sechzigjährigen Kolař, der seit Jahren krank ist und eine solche Strafe kaum überleben dürfte. In seinem Haus in Prag befindet sich etwa die Hälfte seines künstlerisch besonders wichtigen Frühwerkes, dazu eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer tschechoslowakischer Kunst.

Es muß befürchtet werden, daß die Behörden versuchen werden, diese Werte im Ausland zu verkaufen und Kolař damit enormen Schaden zufügen. Der tschechische Künstlerverband reagierte prompt und schloß den verdienten Künstler aus seinen Reihen aus. Die mit dieser Mitgliedschaft verbundene Sozialversicherung teilte ihm mit, seine Arbeit entspreche nicht den für die Mitgliedschaft notwendigen Kriterien einer "professionellen künstlerischen Tätigkeit!" Kolař, der 1975 vom Guggenheim-Museum in New York mit einer Retrospektive geehrt wurde, ist der wohl bedeutendste lebende Künstler seines Landes, seine Arbeiten sind in nahezu allen wichtigen Museen der Welt vertreten. Die rüde Art seiner Zwangsemigration ist ein weiterer Beweis dafür, daß die Behörden in Prag ihren Vernichtungsfeldzug gegen die künstlerische und wissenschaftliche Intelligenz des Landes auch 14 Jahre nach der sowjetischen Okkupation unvermindert fortsetzen. Mit Kolar sind sie gegen einen Mann vorgegangen, der zwar aus seiner politischen Haltung nie ein Hehl gemacht hat (er war Unterzeichner der Charta ’77), der sich aber während seiner Aufenthalte im Westen nie öffentlich gegen das Regime in Prag geäußert hat. Die Verurteilung zum Einzug des-Vermögens ist darüber hinaus eine besonders schamlose Art des staatlichen Diebstahls.

Hans-Peter Riese