ARD, Sonnabend, 6. November: Pastor Heinrich Albertz sprach das "Wort zum Sonntag"

Am Samstagabend, zwischen den Schüssen, schlägt die Stunde der Kirche. Die kopfballstarken Stürmer, die jungen Männer mit ihrem Torhunger, haben den Bildschirm verlassen, der Kommissar lädt bereits die Pistole, der Westernheld legt den Sheriffstern an, die schöne Blonde schminkt sich für den Auftritt im saloon: das ist der Augenblick, Gottesmann, in dem Du Jesu Christi Botschaft verkündigen darfst – mitten hinein ins Gesicht dieser Welt! (Gottesmann, wohlgemerkt: die Frauen führen immer noch ein Mauerblümchendasein: und dies, obwohl nach biblisch-christlichem Verständnis eine Frau Bischof die selbstverständlichste Sache der Welt ist.)

Ja, da sitzt er nun also – er, und leider nicht sie, die katholische Katechetin oder die evangelische Superintendentin – sitzt und spricht von Kreuz und Fleisch, von Hoffnung und Gericht, sitzt und überlegt bei sich: Jetzt holen ein paar Millionen ihr Bier und andere Millionen wechseln das Programm, um dem Harry Valerien zuzuschauen, und wieder andere dösen und denken, wenn’s doch erst vorbei wär’.

Und indem er sich’s so zurechtlegt, der geistliche Herr, faßt er einen Entschluß: Jetzt werde ich denen mal zeigen, wie modern die Kirche ist, wie zeitgemäß ihre Sprache und wie konkret, durchaus nicht störend, zwischen Schuß und Schuß, ihre bewährte Bilderwelt. Und also greift er hinein in den Sack der Predigt-Märlein, mit deren Hilfe biblische Botschaft so rasch und überzeugungskräftig ihren "Sitz im Leben" gewinnt; also beginnt er zu plaudern, "Ich hatte gestern ein interessantes Erlebnis" oder "Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht", also erzählt er von Christenmenschen, die wie Du und ich sind, und dann kommt noch das "Sehen Sie, gerade darauf wollte Jesus hinaus", und dann ist es auch schon vorbei.

Anbiederei, Nachlaufen, Roßtäuscherei, Verwechslung von Bibel und Bild-Zeitung: Welch ein Aberwitz zu glauben, man gewänne, den Abraham a Santa Clara auf dem Bildschirm spielend; Leute für seine Sache und heimse sich etwas ein. (Die eigene und des Evangeliums Demütigung – die gewiß: aber was sonst?).

Gottlob, daß es auch anders geht, und nicht einmal selten. Wie anders, das zeigte am vergangenen Samstag ein Mann, Heinrich Albertz, der, ernst und besonnen, in ruhiger, gelassener Rede das Wesen evangelischer Freiheit auslegte. Da mimte jemand nicht den allgewandten Plauderer, der seine Sprüchlein auswendig gelernt hat, da wurde aufs Blatt geschaut und ein schwieriger Tatbestand in klarer Weise analysiert – und auch in mutiger! Statt sich anzubiedern und in unverbindlicher Manier von Ökumene zu schwärmen, betrieb Albertz handfest aber undogmatisch Kontrovers-Theologie: aber bedeutet das, im Hinblick auf Martin Luther und das Reformationsfest, nur das eine, den gnädigen Gott im Himmel erhoffen zu dürfen gen bei solcher Hoffnung ganz allein zu sein: keine Mittler, keine Heiligen zwisein: den Mittler, keine Papst, der lösen oder binden kann, je nachdem – keinen Helfer außer dem geschundenen Jesus am Kreuz.

Wo andere Märlein erzählen, stellte Albertz unerbittliche Fragen: Was heißt das, für einen Christen, im keiner weltlichen Hierarchie zu leben, und in einer geistlichen auch nicht; was heißt das, kein "Oben" zu besitzen, das mit der Herrschaft über die Gewissen scheinbar auch die Beruhigung dieser Gewissen verbürgt; was heißt es, nur eine einzige Bindung, die an Jesus, zu haben?

Jawohl, so muß einer reden im "Wort zum Sonntag", nicht als Märchenonkel, der auch gern dabei sein möchte, wenn Horst Hrubesch seine Tore schießt, sondern als ein Christ, der zeigt: Dies hier, von dem ich rede, ist anders. Und auf dieses Anderssein, auf diese Vergangenheit, die gleichwohl Gegenwart mitbedeutet – auf die kömmt es an. Auf Jesus von Nazareth, der, wie es in der Leipziger Thomaskirche auf einem riesigen, den Isenheimer Christus zeigenden Plakat heißt, hingerichtet wurde, wegen Anstiftung zum Frieden. Momos