Statt des Geburtstages wird in katholischen Gebieten häufig (und wurde früher sehr viel häufiger) der Namenstag gefeiert. Das ist der Kalendertag jenes Heiligen, dessen Namen jemand bei der Taufe erhielt. Weit verbreitet ist nun die Meinung, das feierliche Gedenken des Namenstages sei lediglich eine Variation der schon in der Antike bekannten und beliebten Geburtstagsfeiern. In Wahrheit geht es da jedoch um etwas grundsätzlich anderes.

Bei den Kalendertagen der Heiligen handelt es sich nämlich nicht um deren Geburtstage, sondern um ihre Todestage. Nach christlicher Vorstellung ist der Todestag der Tag der Wiedergeburt, der Geburtstag für den Himmel. Erst mit dem Tod sollte ja das eigentliche, das ewige Leben beginnen. Das hatten einst auch griechische und römische Philosophen gefehlt. Aber während Griechen und Römer dennoch voller Freude das Diesseits genossen und alljährlich ihres Geburtstags gedachten und sich feiern und beschenken ließen, zogen christliche Schriftsteller und Kirchenlehrer die Konsequenzen.

Man müsse, schrieb zum Beispiel der im 1. Jahrhundert lebende Origines, einer der bedeutendsten Gelehrten des christlichen Altertums, das ganze irdische Leben als Nichtigkeit, leeren Schein, Einbildung sehen; es sei eine vorübergehende Zeit, in der der menschliche Geist durch die Sünde zur menschlichen Seele geworden sei, die zur Strafe für ihren Abfall vom göttlichen Geist mit einem Körper verbunden wurde. Die Seele müsse deswegen den Leib als ihren Feind verstehen, weil er sie gefangenhalte und den Geist daran hindere, an der wahren Gotteserkenntnis teilzuhaben. Erst der Tod mache den durch die Geburt zur Seele verwandelten und im Leib befangenen Geist wieder frei. Also ist der Tag des Todes in Wahrheit der Tag der Wiedergeburt.

Dabei spielt der Gedanke von der Erbsünde eine Rolle. Erbsünde ist nach christlicher Lehre die durch den Sündenfall Adams und Evas bewirkte Sündhaftigkeit des Menschen. Eine ihrer Folgen ist – nach katholischer Auffassung – der Verlust der leiblichen Unsterblichkeit. Da jeder Mensch durch seine Geburt in die Schuld Adams verstrickt wird, sah die ältere katholische Kirche vor allem unter dem Einfluß des Origines in der Geburt keinen Anlaß zur Freude, sondern einen Grund zur Trauer.

Origines berief sich auf den "Prediger", der die Toten pries, weil sie von den Fesseln des Leibes befreit sind, und er verwies auf Jeremias und Job, die den Tag verfluchten, an dem sie auf die Welt gekommen waren. Wie sie habe jeder Heilige empfunden. Er jedenfalls wisse von keinem, der seines Geburtstags festlich oder auch nur mit einem besonderen Geburtstagsmahl gedacht hätte. Nur Sünder könnten sich über Geburtstage freuen.

Ähnlich dachte der wenig ältere Kirchenlehrer Tertullian. Er führte noch ein anderes, vordergründiges Argument gegen das Feiern von Geburtstagen an. Tertullian wetterte gegen die im Römischen Reich üblichen Geburtstagsfeiern der Kaiser, die mit großem Aufwand begangen wurden und an denen man den Kaisern in den ihnen geweihten Tempeln göttliche Ehren erwies. Das sei Vergöttlichung von Menschen, die der christlichen Religion widerspreche, die nur einen einzigen Gott kennt. Und Tertullian empfahl den Christen, sich von solchen Geburtstagsfeiern fernzuhalten, über die er sich mokierte: "Fürwahr, ein großer Ehrendienst ist es, Räucherpfannen und gepolsterte Pfühle auf die Straße herauszutragen, gassenweise zu schmausen, die ganze Stadt in eine Garküche zu verwandeln, den Straßendreck nach Wein duften zu lassen, in hellen Haufen herumzulaufen zu Schabernack, Schamlosigkeit und schändlicher Unzucht!"

Mit den Kaiserjubiläen lehnten die Christen bald auch alle anderen Geburtstagsfeiern ab. Statt dessen förderten sie das Feiern ihrer Namenstage. Nur die Geburtstage von Maria und Jesus waren ihnen Anlaß zur Freude, durften es sein, weil Maria und Jesus von der Erbsünde frei geblieben waren. Auch der Geburtstag Johannes des Täufers durfte feierlich begangen werden; denn Johannes galt schon im Mutterleib als geheiligt.