Von Karl-Heinz Wocker

London, im November

Eine Regierung stürzt im Parlament, Neuwahlen sind angesetzt, den Umfragen zufolge wird die Opposition gewinnen. Deren Führer sind dafür bekannt, daß sie gegen die ökonomische Misere Radikalkuren bereithalten und gutnachbarliche Beziehungen als außenpolitische Maxime vertreten. Der Wahlkampf dauert ganze drei Wochen, Grüne gibt es nicht, keine Raketenstationierung liefert Zündstoff, keine Atomkraftwerke sind umstritten, und die einzige extremistische Partei hat auf die Teilnahme an der Wahl Verzichtet, weil sie sich keine Chancen ausrechnet. Soll man ein Land, in dem das alles möglich ist, nicht glücklich nennen?

Doch die Bewohner der Republik Irland zeigen eher Bestürzung darüber, daß sie nun schon wieder wählen müssen, zum dritten Mal in anderthalb Jahren. Niemand sieht so recht ein, warum das Sein muß. Aber der soeben gestürzte Premierminister Charles Haughey polarisierte die Meinungen im Lande ganze acht Monate, nachdem die Wähler ihn ins Amt geholt hatten. Damals schreckten sie vor der wirtschaftlichen Roßkur seines Gegenspielers FitzGerald zurück, den sie jetzt wieder auf den Schild heben wollen. Er kam mit 81 zu 80 Stimmen über eine Finanzpolitik zu Fall, die in drastischer Erhöhung der Mehrwertsteuer das Heil sah. Sogar die Kinderkleidung sollte teurer werden, und das im nachwuchsreichen katholischen Irland. Charles Haughey vermied eine solche Steuerpolitik, er lebte zunächst einige Monate drauflos und zog plötzlich im Spätsommer die Lohnbremse derart heftig an, daß sich die Gewerkschaften ungeachtet der zehnprozentigen Arbeitslosigkeit dagegen stark machen wollten. Haughey, der nun nur mit Duldung einiger Minifraktionen die Mehrheit erlangte, verlor nun das Vertrauensvotum mit 82 zu 80 Stimmen. Aber er konnte auch seine eigene Fianna-Fail-Partei nicht mehr zusammenhalten.

Ohne Haugheys unfallschwangere Amtsführung wären Neuwahlen kaum nötig geworden. Noch am Tage der Abstimmungsniederlage sah man, wie Haugheys Parteifreund und Fraktionsfeind O’Malley im Parlament auf den Premierminister einredete, er möge doch durch seinen Rücktritt die Partei im Amt halten. Vor einigen Wochen schon kam es in der Fraktion zum Aufstand, 22 Abgeordnete wollten den Premier absetzen. Aber der Stehaufmann der irischen Politik, nach vielen Grundstücksgeschäften materiell unabhängig, zwang seinen Opponenten eine offene Abstimmung auf, und da duckten sich dann doch einige Von ihnen. Warum, das wissen sie heute nicht mehr. Das Register der eklatanten Mißgriffe ihres Regierungschefs hätte jeden Bruch gerechtfertigt.

Da wurde in der Wohnung des Generalanwalts, eines Kabinettsmitglieds und Haughey-Freundes, im September ein wegen Doppelmordes gesuchter Mann festgenommen. Haughey telephonierte von seiner Ferieninsel mit dem Spezi und fand, der dürfe auch in solcher Situation ruhig seine Urlaubsreise nach New York antreten. Anderntags überkam ihn die Panik: Er feuerte den Weggefährten. In einem Verfahren gegen den Schwager von Haugheys Justizminister kam ein Zeuge abhanden, und Haugheys ehemaliger Wahlagent wurde beschuldigt, seine Stimme beim letzten Sieg seines Chefs gleich zweimal abgegeben zu haben. Iren mit Gedächtnis fragen sich noch immer, was denn seinerzeit daran gewesen sein müsse an der Geschichte, die Charles Haughey vor Jahren vor den Kadi brachte als – angeblichen – Waffenlieferanten für die IRA-Terroristen im Norden der Insel. Zu viele Leute, die damals in diesem Verfahren auf dieser oder jener Seite stande, haben seither Haughey als Freunde oder Feinde begleitet.