Von Gert Jonke

Nein, eigentlich wollte ich Borges nichts mehr über Literatur fragen, das hatten schon die vielen Journalisten anläßlich seines Deutschland-Besuches so ausführlich besorgt, daß er völlig erschöpft fast nichts mehr "sehen" oder "hören" wollte, und so war es durchaus schwierig, doch noch einen Termin zu bekommen.

"Herr Borges", so begann ich mein Gespräch, "als ich etwa siebzehnjährig Ihre damals bei uns erschienenen ‚Labyrinthe‘ las, kam ich mir vor, als wäre ich in eine neue Welt versetzt." Ich hatte bisher weder einen Zeitungsartikel feuilletonistischen Charakters geschrieben, noch einen Schriftsteller für eine Zeitung "interviewt". Ich mochte es auch jetzt nicht tun, weil ich es wahrscheinlich in herkömmlicher Weise gar nicht könnte, sondern wollte einfach versuchen, so mit ihm zu sprechen, als handelte es sich etwa um einen Austausch von patagonischen, feuerländischen, antarktischen oder gar metaphysischen Briefmarken im Hinterzimmer eines Cafés der theosophischen Philatelisten.

"Erinnern Sie sich, nein, das wäre anmaßend, von Ihnen dergleichen zu verlangen, sich an mich zu erinnern", sagte ich, "im Jahre 1977/78 war ich in Buenos Aires, hatte durch glückliche Umstände die Möglichkeit, Sie aufzusuchen, ich erinnere mich an Ihre große, weiße Katze, die ständig durch den Plafond Ihres Arbeitszimmers flog, gibt es diese Katze noch?"

Ja, diese Katze gibt es noch."

"Zur Begrüßung sagten Sie mir damals ein Gedicht von Hugo von Hofmannsthal auswendig auf, dann kamen Sie auf die mittelhochdeutsche Literatur zu sprechen, Sie empfanden es als einen Frevel, Walther von der Vogelweide, Hartmann von der Aue, Wolkenstein etcetera ins Neuhochdeutsche zu übertragen; dann gingen Sie zum "Nibelungenlied‘ über, um mir dann anschließend große Passagen aus dem ,Beowolf‘ auf Altenglisch zu zitieren; empfinden Sie es nach wie vor als frevelhaft, mittelhochdeutsche Texte ins Neuhochdeutsche zu übertragen?", fragte ich.

"Selbstverständlich", antwortete Borges, "Was denken denn Sie?! Die Leute heutzutage sollten gefälligst wieder Mittelhochdeutsch lernen, eine übrigens wesentlich bilderreichere und phantasievollere Sprache als alle anderen germanischen Sprachen heutzutage."