Von Ludwig Hang

Es gibt eine Theorie des Spielerischen, die, über alle rationalen Begründungen hinaus, das Nützliche des Unnützlichen betont, das Erquickende, das Heilende, das Rettende des Spiels beschreibt (Nietzsches Gedanke vom "Spiel in der Notwendigkeit", Novalis’ Epigramm vom "Experimentieren mit dem Zufall"). Es ist eine zärtliche Theorie von der Aufhebung der Widersprüche im Phantastischen, von der Naturgesetzlichkeit der Paradoxe, es ist die Theorie des Verschwindens im Spiel selbst, vielleicht die stichhaltigste Begründung von Literatur überhaupt.

Ein Buch, das in die Reihe solcher Erzählspiele gehört und nicht unbeachtet bleiben sollte, ist Franz Joachim Behnischs Erzählung: "Nicht mehr in Friedenau – Eine Vater-Sohn-Beschwörung".

Darin heißt es von Heinz Ostermann, dem gänzlich unheroischen Helden der Erzählung, an einer Stelle: "Ostermann, der sich am liebsten verkriecht! In den Mutterleib zurück und von da aus das Unbegreifliche kommentieren!" Schon in seinem ersten Buch, dem Berliner Roman "Rummelmusik" von 1966, taucht Behnischs Held auf kuriose Weise unter, verschwindet sozusagen in einem deutsch-deutschen Farbenspiel: "...einmal in der grünen Uniform der westlichen, einmal in der blauen der östlichen Polizei". Und von dem Erzähler dieser Nacht-und-Nebelszene sagt der Autor: "Das ist wieder so ein Beispiel dafür, daß Bloedorn gern übertreibt. Wie kann er bei Nacht und Nebel blau von grün unterscheiden."

Auch in seinem neuen Buch ist es der Erzähler, der nach einem Verschwundenen fahndet: ein Sohn sucht nach seinem im Krieg vermißten Vater, er beschwört, angeregt, ja angestiftet von Berichten und Vermutungen seiner Familienangehörigen und eines heimgekehrten Kriegskameraden, das Bild eines Verschollenen, der sich wortwörtlich im Spiel verflüchtigt hat.

Der Vater, Mitglied einer Kulturgruppe, Akteur einer Gefangenenbühne in einem sowjetischen Lager, verliert sich nach und nach im Halbschatten von Dichtung und Wahrheit, im Dunkel einer Metapher: "Für manche Leute bin ich wahrscheinlich nichts als ein Kalauer", sagt die Puppe Charly des Bauchredners Kesch, eines mitgefangenen Schauspielerkollegen des Vaters Ostermann, und als vermeintlich komische Figur nimmt dieser Vater tatsächlich die Rolle einer Puppe an, indem er, ein unbeirrter, marionettenhafter Buster Keaton, die politischen Funktionäre im bodenlosen Bedeutungsspiel täuscht und lähmt ("Puppen sind nie harmlos, man stellt sie nicht ohne Risiko her und bedient sich ihrer nicht ohne Risiko.")

Die kriegsgefangene deutsche Kulturgruppe führt zur Feier der Oktoberrevolution eine Kantate nach Stalintext vor, unter hymnischer Verwendung der Internationale, ironischerweise eine Quint zu hoch, was als besondere Pointe geschätzt wird: "Mein Knittergesicht bekam sozusagen den proletarischen Ritterschlag. Die Theatergruppe hatte unter seiner Führung ihr Soll überert, sowjetisch gesprochen."