Von Heinz Blüthmann

In der letzten Viertelstunde auf dem Hamburger Fischmarkt am Sonntagmorgen geht’s immer so zu: Die Händler legen noch ein paar Phon zu bei ihren Sprüchen und lassen noch ein paar Mark nach bei ihrem Preis – bis es schließlich aus allen Ecken tönt: "Nicht zehn Mark, nicht fünf Mark – nur eine einzige Mark für eine ganze Kiste." Faule Bananen werden auf diese Art verramscht.

Neuerdings kommen Liebhaber solchen Ambientes auch ganz woanders auf ihre Kosten, und das jeden Werktag von neun bis 18 Uhr. Als ob auch da überreife Südfrüchte wegmüssen, ist im gesamten deutschen "Lust"-Elektronik-Handel Fischmarkt-Stimmung ausgebrochen. Die Verkäufer werden zwar nicht laut, sondern wechseln nur stumm ihre Preisschilder aus. Doch stets ist der neue Preis geringer als der alte, oft auf einen Schlag um hundert oder zweihundert Mark, mitunter auch noch mehr, je nachdem, wie die Konkurrenz reagiert. Die "faulen Bananen" sind Videorecorder.

Fast im freien Fall durchbrachen die untersten Gerätepreise die "Traumgrenze" von tausend Mark. Die Allkauf-Verbrauchermärkte machten im Oktober auf der grünen Wiese mit 998 Mark den Anfang, der Warenhaus-Konzern Horten folgte mit 995 Mark, und Europas größter Versender Quelle ging sogar noch weiter herunter: von 1198 auf "unglaubliche" 975 Mark – wie es in Anzeigen hieß.

Doch so unglaublich, wie es Quelle seinen Kunden weißmachen wollte, war das nun wieder nicht. In Düsseldorf, Köln und anderen Städten sackte der Mini-Preis im Facheinzelhandel gleichzeitig auf bis zu 935 Mark. Und daß auch damit noch nicht alle Luft heraus ist, machten vergangenen Freitag zwei potente Hamburger Händler in der Spitalerstraße klar: Mit nur noch 899 Mark setzten sie eine neue Rekordmarke, die aber ebenfalls wohl nur kurze Zeit Bestand haben wird.

Was nicht jeder Normalverbraucher wissen kann: Ob nun unter den Marken Tensai, Sanyo, Fisher oder Universum angeboten, bei allen diesen Tiefstpreisofferten handelt es sich stets um dasselbe Videorecorder-Modell aus derselben Fabrik in Japan. Sanyo, einer der größten Videorecorder-Produzenten für fremde Marken, kippte diesen Typ der ersten Generation mit altmodischen mechanischen Bedienungstasten zugunsten eines modernen Nachfolge-Modells 1981 vom Band.

Doch große Restposten davon blieben bis heute unverkauft auf Halde. Kein Geheimnis in der Branche: Importeure, unter ihnen auch Chinesen, bieten diese Geräte derzeit hier in Partien zu meist tausend Stück für etwa 750 Mark feil. Ob dieser Preis das letzte Wort ist und wie lange der Vorrat reicht, wird sich erst in den kommenden Wochen herausstellen. Doch fest steht bereits: Das gesamte Preisgefüge für Videorecorder ist durch die jüngsten Sonderangebote ins Rutschen gekommen – noch stärker, als das seit Jahresanfang ohnehin der Fall war. Drei bis vier Hundertmarkscheine, bei einigen Modellen sogar einen ganzen Riesen, konnten Video-Interessenten schon sparen, wenn sie im Oktober statt im Januar kauften. Jetzt winken weitere Abwarte-Gewinne.