Göttingen

Als 1968 nigerianische Regierungstruppen, ausgerüstet mit britischen und sowjetischen Waffen, Ibos in Biafra bekämpften, reagierte die Weltöffentlichkeit mit Empörung und Entsetzen. Die deutsche Studentenbewegung jedoch, die damals gegen den Vietnamkrieg auf die Strafe ging, blieb stumm. Der Mord an Hunderttausenden von Menschen im westlichen Afrika ließ sich nicht in das gängige ideologische Schema einordnen.

Zwei Hamburger Studenten, bestürzt über den politischen Dogmatismus der APO, gründeten daraufhin das Komitee "Biafra-Hilfe", aus dem zwei Jahre später die "Gesellschaft für bedrohte Völker" (GfbV) hervorging. Einer von ihnen, der heute 43jährige GfbV-Bundesgeschäftsführer Tilman Zülch, hatte als Kind einst selbst Flucht und Vertreibung miterlebt. Während seines Studiums begann er, sich intensiv mit der Diskriminierung ethnischer und religiöser Minderheiten, vor allem in der Dritten Welt, zu beschäftigen. Seit nunmehr zwölf Jahren setzt er sich hauptberuflich für die Verwirklichung der Menschenrechte bedrohter Minoritäten ein. "Wir sind für diejenigen zuständig, von denen niemand spricht", beschreibt er die Aufgabenstellung der Gesellschaft.

Aus bescheidenen Anfängen hat sich die GfbV mittlerweile zu der nach Amnesty International zweitgrößten deutschen Menschenrechtsorganisation entwickelt. 1400 Mitglieder sichern mit ihren monatlichen Beiträgen die finanzielle Unabhängigkeit ihrer Arbeit. 24 Regionalgruppen informieren in Veranstaltungen über Fälle von Menschenrechtsverletzungen, verfassen Protestschreiben an Regierungen, fertigen Übersetzungen an und sammeln Geld zur Finanzierung von Einzelprojekten.

In der Göttinger Zentrale koordinieren sechs hauptamtliche Mitarbeiter die Aktivitäten der Gesellschaft. Dort sitzt auch die Redaktion der alle zwei Monate erscheinenden Zeitschrift Pogrom.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde die Gesellschaft durch ihren Einsatz für die in der Bundesrepublik lebenden Sinti und Roma bekannt. Als "Zigeuner" wurden sie von Nationalsozialisten verfolgt, eine halbe Million starb in den Konzentrationslagern. Das Schicksal der Sinti wurde nach dem Krieg weithin totgeschwiegen. Bemühungen um Wiedergutmachung der an ihnen begangenen Verbrechen blieben erfolglos.

Gemeinsam mit dem "Verband Deutscher Sinti" und der "Romani-Weltunion" veranstaltete die GfbV 1979 eine Gedenkfeier im ehemaligen KZ Bergen-Belsen; viele Menschen erfuhren dadurch zum ersten Mal vom Völkermord der Nazis an den "Zigeunern". Mit ihren Aktionen hat die GfbV dazu beigetragen, daß Vorurteile langsam abgebaut werden; Behörden und Polizei bringen den etwa 50 000 Sinti und Roma in der Bundesrepublik heute mehr Verständnis und Hilfsbereitschaft entgegen. Die GfbV sieht es als Erfolg an, daß die vor allem aus Osteuropa stammenden, weithin staatenlosen Roma heute die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen können.