Von Horst Krüger

Um es vorweg zu sagen: Für Zeitgenossen dieser ratlosen achtziger Jahre, Menschen, die nach Orientierung und tieferem Verstehen unserer Epoche verlangen, gibt es in diesem Herbst keine anregendere, ja aufregendere Lektüre als dieses Buch. Es bezaubert durch seine sensible Intelligenz. Es verblüfft durch seine Fülle höchst unkonventioneller Einsichten. Die Kraft eines kritischen Außenseiters verwirrt die landesüblichen Fronten. Glücklich die Republik, die über einen so souveränen Kritiker ihrer Zustände verfügt: radikal und doch voller Witz, leidenschaftlich engagiert und doch von einer weltmännischen Noblesse, die hierzulande Mangelware ist. Typisch deutsch wird man diesen Autor jedenfalls nicht nennen können.

Das Phänomen, das hier anzuzeigen ist, ist in mehrfacher Weise paradox. Denn im strengen Wortsinn kann man nicht einmal von einer waschechten Neuerscheinung sprechen. Bei der Essaysammlung von

Wolf Jobst Siedler: „Weder Maas noch Memel – Ansichten vom beschädigten Deutschland“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982; 287 S., DM 32,–.

handelt es sich um 33 Stücke, die alle schon in den Wochenend-Feuilletons unserer großen Zeitungen publiziert wurden. Mehr als drei Viertel stammen sogar noch aus den frühen sechziger Jahren. Viele sind schon Mitte der sechziger Jahre in einem Sammelband erschienen. Manche sind Gelegenheitsarbeiten, deren Anlässe längst vergessen sind. Nur sieben Beiträge wurden jetzt, Anfang der achtziger Jahre, geschrieben und publiziert.

Jetzt gebündelt, überarbeitet und zum Buch konzentriert, bezeugen sie plötzlich die Kontinuität eines Denkprozesses von verblüffender Zusammengehörigkeit. Dieser Wolf Jobst Siedler, dessen Autorenfoto auf der Umschlagseite von nachdenklicher Ratlosigkeit erzählt, ist eben nicht nur ein tüchtiger und erfolgreicher Macher in unserem Kulturleben. Es ist vom Comeback eines Schriftstellers zu berichten, der lange, fast zu lange im Schatten seiner kulturpolitischen Aktivitäten stand. Trotz seiner verschiedenen Publikationen früher, tritt er eigentlich erst mit diesem Buch als Essayist ins volle Rampenlicht. Provokationen wider den deutschen Stumpfsinn möchte ich seine Leistung nennen.

Die Stärke und Überzeugungskraft, die von diesem Buch ausgeht, scheint mir vier Wurzeln zu haben. Es hat zunächst ein Thema, das uns wirklich betrifft: Deutschland. Siedler beschreibt, analysiert, bewertet deutsche Zustände von heute. Die Leidenschaft für deutsche Themen endet, drei oder vier Ausnahmen ausgenommen, in Deutschland fast immer mit Hitlers Ende. Siedler aber befaßt sich mit unserer Gegenwart. Gleich zu Beginn eröffnet er seine kritischen Gänge mit einem Stück über die deutsche Teilung, das sein Thema, literarisch hochartistisch, intoniert. „Auf den Seelower Höhen“ beschreibt eine Oderlandschaft, also eine Grenzlandschaft zwischen der DDR und Polen. Es ist nicht nur Trauer über verlorene Provinzen, die diesem Reise-Essay seinen ernsten Hintergrund gibt: „Weder Maas noch Memel“ – es ist sein Gespür für typische Details, in denen er die deutsche Misere aufleuchten läßt. Der Reisende sieht in der DDR verschmutzte, schäbige Straßenschilder, die nach Wroclaw und Szczecin weisen. „Was, wenn nicht dies“, resümiert er später, „ist ruinierte Geschichte?“