Von Michael Krüger

Jahrelang ging der literarische Blick zwischen Deutschland und Amerika in eine Richtung, von hier nach dort. Amerikanische Schriftsteller machten, wenn sie nach Europa kamen, geradezu einen Bogen um Deutschland, um sich in Rom, Venedig oder Paris niederzulassen, und trotz aller erfolgreichen Bemühungen, die Literatur der Neuen Welt hier durchzusetzen, war das Land selbst für die Autoren nicht attraktiv. Für alles mögliche war die Bundesrepublik gut, nur als Objekt der Beschreibung taugte sie nicht. Die Mauer, der Kalte Krieg, Berlin – die Topoi der Faszination lassen sich an einer Hand abzählen; der Rest ist verstockte Provinz, ein grauer Fleck in der Mitte Europas, der von guten Menschen ohne Vision gut verwaltet wird.

Die Normalität, auf die wir so stolz sind ("wir bleiben ein verläßlicher Partner"), ist offenbar ohne Reiz, ein Blick hinter die Fassaden scheint sich nicht zu lohnen. Und selbst die deutsche Seele, dieses dämonisch-ungreifbare Etwas, das Thomas Wolfe noch so anziehend fand, muß sich verflüchtigt haben, jedenfalls in den Augen der Amerikaner, die gerade noch einen Abglanz von ihr in Bayreuth oder Heidelberg zu erhaschen hoffen. Die Isolierschicht der Banalität, die unsere Städte umgibt, scheint sedativ auf die Imagination zu wirken, also lieber Madrid statt München, vom schönen Hannover gar nicht zu reden.

Weil das so ist, nimmt man fast erschrocken einen amerikanischen Roman in die Hand, dessen Titel bereits einen eigentümlichen Blick auf Deutschland verspricht.

Der Umschlag der Originalausgabe zeigt einen Mann zu Pferd in flachem Wasser, bekleidet mit Militärmütze, buntem Hemd und kurzer Hose; auf der deutschen Ausgabe ist eine maskenhaftschöne Frau im Pelz auf einer alten Holzbrücke abgebildet, unter der ein Fischer hindurchrudert: Wie deutsch sind diese Bilder und erklären sie etwas von der hinter fragender Distanz verborgenen Verstörtheit, mit der dieser Roman imprägniert ist?

Der deutsche Umschlag will schon interpretieren, wo der amerikanische nur etwas zeigt: Die absurde Erscheinung hoch zu Roß ist ein überraschendes Bild der Verstörung, das Modepüppchen aus dem Wirtschaftswunder und der alte Fischer dagegen bilden ein perfektes Klischee. Aber genau diese Klischees sind der Gegenstand dieses ungewöhnlichen (und ungewöhnlich guten) Romans über Deutschland.

Erzählt wird die Geschichte von den beiden ungleichen Brüdern. Der eine, Helmuth von Hargenau (erfolgreicher Architekt, verh., gesch., rasch wechselnde Geliebte), ist der Prototyp des erfolgreichen, machtbewußten Deutschen, der andere, Ulrich (Schriftsteller, verh., gesch., wechselnde Geliebte), ist der romantische, grüblerische Typ, der von der Geschichte verfolgt wird.