Trotz gestraffter Genehmigungsverfahren ist das Problem der Entsorgung ungelöst

Von Horst Bieber

Der Alltag holte die Politik schneller ein als erwartet. Bundeskanzler Kohl, Innenminister Zimmermann und Forschungsminister Riesenhuber hatten nach dem Regierungswechsel übereinstimmend bekräftigt, daß die "Entsorgung" der Kernkraftwerke, also die ordnungsgemäße Beseitigung des strahlenden Mülls, Priorität genieße. Letzte Woche erklärte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg den Bebauungsplan der Gemeinde Gorleben für das atomare Zwischenlager an der Elbe für nichtig: Ein Angestellter der Betreiberfirma hatte als Ratgeber an den Beschlüssen der Gemeinde mitgewirkt. Das verstößt gegen die niedersächsische Gemeindeordnung. "Nur" ein juristischer Formfehler, gewiß. Aber er legt doch die Frage nahe, mit wieviel Sorgfalt die Kernenergie-Wirtschaft ihre Millionen-Projekte vorbereitet.

Dennoch wird an den Lagerhallen weitergebaut, weil die Baugenehmigung nicht von der in Lüneburg unterlegenen Gemeinde, sondern von einer anderen Behörde erteilt wurde. Der Bauherr des Zwischenlagers, die "Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK) behielt bist er recht mit der optimistischen Vorhersage, daß die Richter nicht auch noch diese Bauarbeiten unterbrechen würden. Optimismus war auch nötig. Denn die "Entsorgung" erweist sich immer mehr als der Dollpunkt der Kernenergie, und das Zwischenlager Gorleben spielt eine entscheidende Rolle im Entsorgungskonzept

Noch kein Endlager

Kernkraftwerk-Unternehmen müssen vor der Inbetriebnahme nachweisen, daß sie die abgebrannten und entsprechend stark strahlenden Reaktorelemente sechs Jahre lang sicher lagern können. Das geschieht anfangs innerhalb der Reaktorkuppel, anschließend in Lagern auf dem Reaktorgelände. Doch jeder Betreiber kann sich ausrechnen, wann er den "Atommüll" loswerden muß – an eine Wiederaufbereitungsanlage, die es in der Bundesrepublik noch nicht gibt, oder an ein Endlager, für das der Salzstock Gorleben vorgesehen, aber noch nicht endgültig bestimmt ist. Der Ausweg heißt bis jetzt "Zwischenlagerung", und von allen Zwischenlager-Projekten ist nur Gorleben in Niedersachsen über den Stand der Planungen hinausgekommen. Die anderen Bundesländer zögern, solche Lager zu genehmigen.

Ihre Scheu ist zu verständlich. Wer "zwischen"lagert, möchte wissen, wann und wo "end"gelagert wird, und an der Tauglichkeit des Gorlebener Salzstocks – Mitte der siebziger Jahre mehr aus politischen als aus geologischen Gründen ausgesucht – sind mittlerweile massive Zweifel laut geworden. "Für die Glaubwürdigkeit wäre Redundanz vorteilhaft", gibt ein Vertreter der Energiewirtschaft zu, was im Klartext heißt: Es wäre besser, auch andere Salzlager zu untersuchen, und sei es nur, um den Verdacht zu zerstreuen, die Ergebnisse aus der Erkundung des Gorlebener Stocks wären so lange hin und ner gerechnet worden, bis sie paßten. Schließlich kann ein Teil des Salzlagers ohnehin nicht geprüft werden, weil er in die DDR hineinreicht.