Von Hansjakob Stehle

Rom, im November

Wie einst die gekrönten, so blicken heute die roten Zaren voll Argwohn nach Rom: Der altrussische Verdacht, daß alles Katholische etwas Polnisches sei und als solches schon ein Sicherheitsrisiko für das östliche Imperium, hat sich in der Gestalt des polnischen Papstes Johannes Paul II. mehr denn je verdichtet. Wird dieser Verdacht vermindert, wenn General Jaruzelski gerade jetzt, gezielt auf den Streiktermin des 10. November, seine Nation zu beruhigen versucht, indem er eine Polenreise des Papstes für den 18. Juni 1983 in Aussicht stellte? Der polnische Pontifex hat zudem, am letzten Tag seiner Spanienreise (siehe S. 8) seine Vision einer Ost und West überwölbenden Einheit Europas erneuert; freilich mit der diplomatischen Variante, daß sie die "verschiedenen politischen Systeme" einschließen und respektieren solle und daß die Kirche auf einstige Machtpositionen "total" verzichte.

Auch dies dürfte jedoch die Moskauer Warn-, aber auch Lockrufe nicht zum verstummen bringen. Sie erreichen auf verschiedenen Wegen, auf diplomatischen und undiplomatischen, den Vatikan. Ist die Ostpolitik des Vatikans im Jahr des polnischen Kriegszustandes auf eine Barriere gestoßen oder nur an eine Wegscheide geraten?

Papst Wojtyla hatte zunächst die Pastoral-Diplomatie der Kurie, die sich stets behutsam im Gefolge west-östlicher Politik bewegt, durchaus fortgesetzt, im Dialog mit den regierenden Kommunisten und auch durch Sachkompromisse in Einzelfragen. Zugleich jedoch hat er auf diesem Weg mit eigenem Tempo, mit seinem missionarischen Elan Zeichen gesetzt. Schon bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren hatte er zur Öffnung der Grenzen, sogar der Grenzen "der Systeme" gerufen. Seine Polenreise 1979 trug dann zum Entstehen jener Erneuerungsbewegung bei, die im Zeichen von Solidamość die Grenzen tatsächlich durchlässig zu machen schien. Es war ein Unternehmen mit hohem Einsatz, dessen Risiken der Papst geringer einschätzte als seine diplomatischen Mitarbeiter im Vatikan. Aber auch sie erkannten die möglichen Chancen: Wenn überhaupt, dann würde sich nämlich das Grundmißtrauen des Sowjetkommunismus gegenüber der römischen Kirche nirgendwo mit so weitreichender Wirkung besänftigen lassen wie eben in Polen – wo es seinen empfindlichsten Ursprung hat.

Dazu mußte bewiesen werden, daß eine starke Kirche das System nicht destabilisieren, sondern gleichsam moralisch aufrüsten würde und ihm dabei auch Legitimierung verschaffen könnte – vorausgesetzt freilich, daß es überhaupt reformierbar sei. In einer Zeit der zunehmenden Ost-West-Spannung waren die Umweltbedingungen für ein solches Experiment keineswegs günstig; doch Papst Wojtyla vertraute seinem eigenen Charisma, Die Mischung aus Mut und Besonnenheit, die er Lech Walesa bei dessen Rom-Besuch empfahl, sollte, ja "durfte" nicht in Gegensatz zur "Struktur des Regimes" geraten (so der Papst am 15. Januar 1981). Aber selbst der politisch erfahrenere Kardinal Wyszynski, der die Solidarność immer wieder beschwor, ihre Forderungen nur "in Raten" durchzusetzen und "der Regierung ein bißchen Zeit zu geben", hatte in den Wochen vor seinem Tod visionäre Hoffnungen. Sie spiegeln sich in seinen letzten, jetzt in Rom publizierten Aufzeichnungen. "Die friedliche Revolution in Polen macht weiter Fortschritte und bildet das bisherige Modell um ...", notierte er am 1. Mai 1981. "Eine große gesellschaftliche Basis für die Kirche ist entstanden", so meldete er am 3. Mai telephonisch dem Papst. "Hier in Polen beginnt der Kampf um die ganze Weltkirche .. .", schrieb er am 10. Mai. "Von hier geht die Kirche nach Osten ...", sagte er am 22. Mai bei dem Abschiedsbesuch der Bischöfe an seinem Krankenbett. "Der Osten ist offen für die Kirche in Polen, er ist ganz zu gewinnen ..."

Aber an der Wirklichkeit sind inzwischen nicht nur Polen und seine Kirche, sondern auch die kühnen ostpolitischen Konzepte Johannes Pauls II. gescheitert. Der Papst sieht sich wieder auf die bescheidenen Wege der herkömmlichen vatikanischen Ostdiplomatie verwiesen. Sie sind, wenn auch nicht leicht, noch immer begehbar – trotz, ja vielleicht sogar wegen der neuen, in der polnischen Krise entstandenen Verkrampfungen. Da die "Macht" des Papstes – ganz ohne abschreckende Divisionen – mehr denn je spürbar geworden ist, wird sie im Kreml bei allem Argwohn doch auch respektiert, wird mit ihr gerechnet.