Von Marlies Menge

Jubel ist fällig: Endlich ist sie fertig, die nördliche Autobahn von Berlin nach Hamburg. Am 20. November, morgens um vier Uhr, wird die schnelle Verbindung zwischen West-Berlin und Norddeutschland freigegeben. Ein Fortschritt im Transitverkehr, über den jeder vernünftige Mensch sich freuen wird. Nur ein paar Unvernünftige, zu denen auch ich mich tapfer zähle, werden mit Wehmut der guten, alten F 5 gedenken, auf der sie so oft nach Hamburg gerollt sind. Sicher – es gab gefährliche Kurven, oft war es schwierig, zu überholen, weil Kolonnen von Lastwagen entgegenkamen, oder – noch schlimmer – ein schwerfälliger Trecker mit Mist von einer nahegelegenen LPG im Wege war. In den kleinen Orten mußte langsam gefahren werden, Radarkontrollen warteten auf devisenbringende Kunden. Und doch – die F 5 war romantischer als jede noch so schnelle und vernünftige Autobahn. Im Frühling blühten die Kastanien am Wegesrand, es roch nach Landwirtschaft in den Dörfern, Hühner scharrten im Sand, Schafe grasten auf der Wiese.

Das Reisen auf der F 5 hatte noch etwas vom Reisen in alten Zeiten, von Ort zu Ort, mit Gasthöfen am Wege. Wer von West-Berlin nach Hamburg (oder umgekehrt) auf der F 5 Transit fuhr, der reiste nicht nur von einem Punkt zum andern, er sah dabei auch ein bißchen vom Alltag der DDR. In den Kleinstädten konnte er kurz in Schaufenster blicken, vor allem sah er Menschen: Kinder, die aus der Schule kamen, Frauen mit Einkaufstaschen, alte Leute beim Schwatz auf der Straße.

West-Berlin wird seinen nördlichen Grenzübergang zur neuen Autobahn erst 1985 öffnen. Bis dahin bleibt ein kleiner Rest Landstraße für uns, von Staaken bis zur Autobahn Berliner Ring, der uns auf die neue Transitstrecke bringt. Ein paar Jahre werden wir also noch an den Holzzäunen vorbeifahren, hinter denen die sowjetischen Kasernen sind, hin und wieder den Blick eines sowjetischen Soldaten oder Offiziers erhaschen, der seinerseits uns neugierig betrachtet, werden vorbeirollen an den Truppen-Übungsplätzen, an Schildern "Halt! Hier wird geschossen!", bis uns die Anomymität der Autobahn wieder aufnimmt.

Auf den Rest der F 5 müssen wir in Zukunft verzichten. Wie gesagt, ich verzichte ungern. Denn für mich ist es auch ein Abschied von einem Stück Vergangenheit. Ich bin die F 5 schon als Kind mit meinem Vater gefahren, als sie noch Reichsstraße 5 hieß, und wir uns nicht im Traum den zukünftigen Transitverkehr auf ihr hätten vorstellen können. Später fuhr ich mit meinen Söhnen, die die Lokomotiven gezählt haben, die wir an all den Eisenbahnübergängen trafen. Und für jede Lokomotive kassierten sie von mir einen Groschen. In Ribbeck haben wir uns die Köpfe verrenkt, um das Herrenhaus zu sehen, in dem der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland gewohnt hat. Jedesmal mußte ich Fontanes Gedicht über den birnenspendenden Gutsherrn deklamieren, und nie gelang es mir, bis zur letzten Strophe zu kommen. Wusterhausen, Friesack, Pessin – das sind nicht nur Namen, bestimmte Ecken tauchen vor dem Auge auf. In Pessin zum Beispiel der häßliche Neubaublock, der den sonst intakten Ort verschandelt. In Kyritz standen an einer bestimmten Kreuzung meist Jugendliche, die die westlichen Autotypen beobachteten; in Dörfern wie Gumtow und Demerthin kassierte die Volkspolizei besonders gern von Autofahrern, die zu schnell fuhren.

Um manche Kleinstädte führte seit Jahren schon die Umgehungsstraße herum, wie um Perleberg oder Grabow, durch die Dörfer jedoch ging es weiter hindurch, und am Sonnabendnachmittag harkten alte Frauen den Sandweg vor ihrem Vorgarten, denn vielerorts sah die F 5 noch aus wie zu Preußens Zeiten: eine befestigte Straße in der Mitte, inzwischen asphaltiert, rechts und links die Sommerwege, die früher zum Reiten und Marschieren gedacht waren, und dazu Alleen von Bäumen. Vor Karstadt schlossen wir Wetten, ob die Bahnschranke geöffnet ist oder nicht. Die Chancen standen 50 zu 50. In Ludwigslust mußten wir an einer bestimmten Stelle sehr schnell von rechts nach links sehen, um sowohl das Schloß als auch die gegenüberliegende Schloßkirche nicht zu verpassen. In Redefin versuchten wir immer wieder vergeblich, hinter den Bäumen das berühmte Hengstdepot zu erspähen, und in Boizenburg freuten wir uns an dem Fachwerk-Rathaus.

Damit ist es nun vorbei. Auf der Autobahn fahren wir schnell und sicher. Keine Lastwagen und schon gar keine LPG-Trecker werden uns in Zukunft den Weg versperren. Keine Schranke nötigt uns mehr anzuhalten. Wir brauchen nicht mehr unsere Geschwindigkeit zu drosseln, weil wir durch eine Kleinstaat oder ein Dorf fahren. Nur noch von ferne sehen wir Ortschaften, ein paar Häuser, einen Kirchturm, mehr nicht. Geschicntsträchtige Namen wie Oranienburg, Fehrbellin, Neuruppin, Rheinsberg lesen wir nur noch auf den Ausfahrtschildern. Doch die Schlösser von Oranienburg und Rheinsberg bleiben dem Transitreisenden verborgen, er sieht nicht die schnurgeraden Straßen und die ehemaligen Paradeplätze von Neuruppin, nicht das Denkmal von Fehrbellin. Pritzwalk, Wittstock, Schwerin – für ihn bleiben es Namen auf Schildern, mehr nicht.

Die Reise von West-Berlin nach Hamburg wird auf der neuen Autobahn kürzer. Doch sie wird auch langweiliger. Denn die Autobahn führt fast ausschließlich durch die weiten, ebenen Großfelder der LPGs, die immerhin einen Vorteil haben: Es ist schwer für die Volkspolizei, ihre Radar-Autos zu verstecken. Einzige Versteckmöglichkeit sind die Autobahnbrücken, aber die sind dank der Weite und Ebene der Felder lange vorher auszumachen.