Die sowjetische Führung muß mit einem unangenehmen Erbe aus der Ära Breschnjew fertig werden: dem militärischen Engagement in Afghanistan.

Zwei Tage vor Leonid Breschnjews Tod berichtete die Moskauer Armeezeitung Krasnaja Swesda in ungewöhnlich ausführlicher Form von den schweren Schäden, den die islamischen Guerrilleros der Wirtschaft Afghanistans zugefügt hätten. Das Blatt der Militärs läßt einen Beamten der kommunistischen Regierung in Kabul sagen, das Vertrauen des afghanischen Volkes in die sowjetischen Soldaten sei nicht von selber gekommen: "Dafür mußte ein hoher Preis gezahlt werden."

Mehr noch: Westliche Beobachter glauben, daß von etwa 100 000 seit der Intervention im Dezember 1979 in Afghanistan stationierten sowjetischen Soldaten ungefähr 15 000 gefallen sind oder verwundet wurden. Eine makaber anmutende Verkehrskatastrophe hat in diesem Monat die Zahl der sowjetischen Toten erheblich erhöht. In einem Straßentunnel zwischen Kabul und der sowjetischen Grenze verbrannten oder erstickten 700 sowjetische Soldaten und Hunderte von Afghanen jämmerlich, nachdem dort ein Tanklastzug bei einem Zusammenstoß Feuer gefangen hatte. Die Zahl der Toten war so hoch, weil sowjetische Offiziere, die offenbar einen Anschlag der Guerrilleros vermuteten, den Tunnelzugang sperrten. Im pakistanischen Peschawar, wo sich die Flüchtlingsmassen wie auch die zerstrittenen Führungsgruppen der Opposition konzentrieren, fanden sich prompt Afghanen, die das Unglück im Tunnel als Sieg und Leistung ihrer eigenen Freischärler feierten. Das war in diesem Fall eine Legende. Aber tatsächlich geht der Krieg gegen die russische Invasionsarmee gnadenlos weiter.

Freilich mußten die Rebellen in den vergangenen Wochen Rückschläge hinnehmen. Das lag jedoch eher an der Schwäche der zerstrittenen Freischärler als an der Stärke des Regimes Babrak Karmal. Die Partisanen kämpfen oft gegeneinander oder gegen die patriarchalischen Dorf- und Stammesführer. Der prominenteste Guerillaführer, Gulbaddin Hekmatyar, Chef einer militant islamischen Organisation, ist offenbar vor allem im Kampf gegen die vielen anderen Gruppen des Widerstandes engagiert.

Im pakistanischen Exil geht es in diesem Kampf um die Verteilung von Waffen und Hilfsgütern, im Kampfgebiet selbst um den Proviant für die Dörfer und um Ausgangsbasen für die Zeit nach dem Abzug der Russen, die zwar kaum siegen, aber bestimmt nicht besiegt werden können.

Die afghanischen Kommunisten und ihre sowjetischen Helfer kontrollieren die großen Städte und die Fernstraßen – jedenfalls bei Tage. Und sie bauen ihrerseits Legenden von ihrem Erfolg und Kampfesmut auf: Vor wenigen Wochen rühmte sich die Regierung Karmal der Eroberung dreier bislang umkämpfter Orte – ein Blick auf die Landkarte zeigte allerdings, daß es sich um Vororte von Kabul handelt. Hjg