Von Joachim Nawrocki

Die Fülle der wirtschaftlichen Probleme, die der verstorbene Parteichef Leonid Breschnjew seinem Land hinterlassen hat, ist beträchtlich: Die Sowjetunion wird weder mit modernen Produktionsmethoden und Produkten fertig noch mit vergleichsweise archaischen Techniken. Der technische Fortschritt zieht nur langsam in die sowjetische Wirtschaft ein. Überrüstung und gesellschaftliche Probleme wie Trunksucht und Disziplinlosigkeit haben die ökonomischen Sorgen noch verstärkt. Überdies beanspruchen Rüstung und Raumfahrt einen allzu großen Teil der wissenschaftlichen Kapazitäten.

Die weltweite Wirtschaftskrise ist auch auf den Ostblock übergesprungen. In allen osteuropäischen Ländern hat sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt. Die Ergebnisse des ersten Halbjahres 1982 zeigen, daß dies keine vorübergehende Erscheinung, sondern Anzeichen einer anhaltenden Strukturschwäche ist (siehe Tabelle).

So sind in sämtlichen Bruderstaaten – trotz voneinander abweichender Wirtschaftstrukturen – die Krisensymptome ganz ähnlich: Es gibt Versorgungslücken wie seit langem nicht, zu optimistische Pläne werden nicht erfüllt, die Landwirtschaft kommt nicht voran und kämpft immer wieder mit Mißernten. Die Außenhandelsbedingungen verschlechtern sich infolge gestiegener Weltmarktpreise, die Investitionsquoten sinken.

  • In der DDR, der es noch relativ gut geht, wird die Wirtschaftslage immer kritischer. Restaurants bleiben bereits an zwei Tagen in der Woche geschlossen, "wegen der Versorgungslager wie einem Schild an der Tür zu entnehmen ist. Nur mit eiserner Sparsamkeit hofft die ostdeutsche Führung, durch die Talsohle zu kommen.
  • In Polen haben sich innerhalb eines Jahres die Preise verdoppelt. Die Industrieproduktion sinkt rapide, die Investitionen haben sich seit 1980 mehr als halbiert. Nur der Kohlebergbau und die Landwirtschaft funktionieren noch einigermaßen. Aber im Lande herrscht bittere Not.
  • Die tschechoslowakische Wirtschaft stagniert. Sie kämpft mit Energieproblemen und Exportplänen, das Realeinkommen der Bevölkerung sinkt.
  • Nur in Ungarn haben die Reformen beachtliche Erfolge in Richtung einer sozialistischen Marktwirtschaft gebracht. Zwar ist der Lebensstandard dort keineswegs höher als etwa in der DDR, aber es gibt kaum Versorgungslücken, von dem Warenangebot können die Bewohner anderer Ostblockstaaten nur träumen. Aber Hoffnungen auf eine Verbesserung der Handelsbilanz durch höhere Exporte haben sich nicht erfüllt.
  • Rumänien kämpft, ebenso wie Polen, mit hoher Verschuldung im Westen, durch die die Importe, die Investitionen und letztlich das wirtschaftliche Wachstum beeinträchtigt werden.
  • Bulgarien muß sich, wie die meisten anderen Ostblockstaaten, damit abfinden, daß der laufende Fünfjahresplan nicht zu erfüllen ist.

Der Weltmacht Sowjetunion geht es nicht besser als ihren Partnern, obwohl sie eigentlich weniger Sorgen haben müßte. Anders als die Genossen in Ungarn und Polen, der DDR und Rumänien verfügen die Sowjets über beträchtliche Vorräte an Rohstoffen. Als Exportland profitiert die UdSSR sogar von den gestiegenen Weltmarktpreisen.

Die Folge: Die Sowjetunion hat eine bessere Handels- und Zahlungsbilanz als ihre Bruderländer. Ihre Verschuldung hält sich in Grenzen; Zinszahlungen fressen nicht, wie bei den anderen Ostblockstaaten, ein Viertel bis die Hälfte der gesamten Westexporte auf. Verglichen mit anderen Staaten ist die Sowjetunion auch relativ wenig vom Außenhandel abhängig. Dieses gilt allerdings nicht für Importe westlicher Technik.