Von Sven Papcke

Wir haben zu viele Soziologen und Politologen. Wir brauchen mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft auch nützen.“ Der gestandene Diplomvolkswirt Helmut Schmidt machte zu Recht – wenn auch mit Häme – auf die begrenzte Nachfrage nach Sozialwissenschaftlern aufmerksam. Ein Blick auf den Arbeitsmarkt offenbart denn auch die Verlegenheit eines Massenfaches, dem die berufliche Anerkennung versagt blieb. So gilt die Soziologie – dem Zeitgeist folgend – im öffentlichen Leben periodisch mal als „revolutionär“, seltener auch mal als „konservativ“. Ungeachtet dessen bedienen sich die Entscheidungsträger seit langem ihrer Ergebnisse.

Von solchen Schwankungen ihres Ansehens bleibt die Soziologie selbst nicht unberührt. Vielmehr ist das Fach seinem Gegenstand, der sozialen Entwicklung, in einem Maße verhaftet, daß noch sein Selbstbild von allgemeinen Trends bestimmt wird. Auch die seit geraumer Zeit zu verzeichnende Entdeckung der Fach-Geschichte verdankt sich neben dem allerorten zu beobachtenden Hang zur Nostalgie dem Bedürfnis, das brüchige Prestige auf dem Umweg über die Erschließung einer historischen Identität aufbessern zu wollen.

Die von dem Berliner Soziologen Wolf Lepenies mit viel redaktioneller Mühe vorbereitete „Geschichte der Soziologie“ wird in diesem Problemfeld fraglos zu den libri fecondatori zählen, macht sie doch den internationalen Diskussionsstand hierzulande nicht nur sprachlich, sondern durchaus auch synoptisch zugänglich:

Wolf Lepenies (Hrsg.): „Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin“; Suhrkamp-Verlag, Frankfurt, 1981; Bd. I-IV, 98,– DM.

In den vier Bänden dieser Ausgabe sind fast fünfzig Beiträge versammelt – vornehmlich aus den siebziger Jahren –, die sich thematisch sieben Sachbereichen zuordnen. Sie reichen von der Bildung soziologischer Schulen über Vorgänge der Institutionalisierung bis zur Ausbildung der empirischen Sozialforschung. Das historische Material, an dem sich diese durchweg wissenschaftliches Neuland betretenden Werkstattberichte abmühen, stammt zu einem guten Drittel aus Frankreich (es geht vor allem um den Einfluß Emile Durkheims); weiter finden sich Einblicke in die amerikanische Entwicklung; vereinzelt werden Etappen der Soziologie in England, Deutschland oder auch Österreich berücksichtigt.

Freilich: Trotz aller Reichhaltigkeit verfehlt dieses Riesenunterfangen am Ende zumindest sein erklärtes Ziel, eine „soziologische Geschichte der Soziologie“ vorzulegen. Die angesprochene „kognitive, soziale und historische Identität“ des Faches wird nicht greifbar. Gemessen an diesem Anspruch entsteht vielmehr der Eindruck, nur Bausteine an Stelle eines soziologie-geschichtlichen Gebäudes vorgeführt zu bekommen.