Er war ein gefräßiger Leser. Nicht das Was reizte ihn (der sogenannte Inhalt sei ja rasch vergessen), sondern das Wie (die Umstände, unter denen wir ein Buch lesen; die Erinnerungen oder Reflexionen, die beim Lesen geweckt werden). Das Lesen selbst wird ihm so zu einem Hauptthema seines großen Romanwerks. Er liebte das Lesen. Er liebte, deshalb, auch die Bücher – der Bücherleser, Bücherschreiber Marcel Proust, der am späten Nachmittag des 18. November vor sechzig Jahren in Paris gestorben ist.

Bücher sind es, mit denen die neu gegründete, deutsche Marcel Proust Gesellschaft an die Öffentlichkeit tritt: Noch vor ihrer ersten Mitgliederversammlung hat die junge Gesellschaft im Historischen Archiv der Stadt Köln am 17. November eine Ausstellung eröffnet: "Marcel Proust – Werk und Wirkung / Sammlung Reiner Speck" (Severinstraße 222-228; bis 7. Januar 1983).

Bücher? Was es da schon zu sehen gibt! Ein paar vergilbte Seiten, prachtvolle Ledereinbände, Goldschnitt, wenn’s hoch kommt...

Was in den Vitrinen in Köln liegt, ist eine Sensation, weit über Köln hinaus, und macht die Bücherschau zur anregendsten Literaturausstellung seit langem.

Unter den rund 700 Büchern, Broschüren, Zeitschriften, die aus einer großen Privatsammlung vorgestellt werden, sind nicht nur alle französischen "Editions originales" und alle deutschsprachigen Ausgaben der Werke Prousts, sind nicht nur zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen, vom Holländischen bis zum Japanischen, vom Russischen bis zum Schwedischen, sind nicht nur viele Widmungsexemplare des Autors in luxuriöser Bindung und Bücher über Prousts Leben und Werk, sondern vor allem einige Handschriften und Druckfahnen mit eigenhändigen Korrekturen und Ergänzungen Prousts.

Diese Texte waren auch den Herausgebern der großen französischen Pléiade-Ausgabe (1954) nicht bekannt und sind bisher nie veröffentlicht worden. Es handelt sich um eine Handschrift in Tinte (eine Episode aus dem Band "Im Schatten junger Mädchenblüte") und um bislang ebenfalls nicht bekannte Druckfahnen mit den für Proust typischen Korrekturen, die ihm unter der Hand zu Ergänzungen wurden, zu kontinuierlichen Weiter-Dichtungen – "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Ausstreichend, zwischen schon gesetzte Zeilen kritzelnd, die Ränder mit umfangreichen Einfügungen bedeckend, neue Seiten anheftend – wer sich in die Schreib- und Erinnerungslabyrinthe verirrt, die in Köln locken, versteht, daß dieser Autor der Schrecken von Druckern und Setzern war.

Gerade im endlosen Weiterspinnen der Erzählung wird jedoch die Besonderheit von Prousts Kunst sichtbar. Geplant war ursprünglich ein literaturkritischer Zeitungsartikel gegen eine Methode der Bewertung von Kunst, die mehr am Leben als am Werk der Dichter interessiert ist. Aus dem Aufsatz gegen den Anführer dieser Richtung, Sainte-Beuve, wurde eine kritische Studie, wurde ein Roman – wurden die Romane der "Recherche", die nicht abgeschlossen war, als der Todkranke im Spätherbst 1922 ärztliche Hilfe verweigerte und an einer Bronchitis starb, gegen die der von lebenslangem Asthma geschwächte Körper keinen Widerstand leisten konnte.