Sightseeing, hat R. L. Stevenson einmal bemerkt, sei "die Kunst der Enttäuschung". Um uns dagegen zu wappnen, greifen wir zu Reiseführern. Das macht die Sache indes oft nur noch schlimmer. Dabei sind gute Reiseführer so nützlich wie Telefonbücher und so spannend wie Detektivgeschichten. Angelsächsische Autoren wissen das, und ihr Publikum schätzt es – anders als hierzulande, wo man Handbücher für Touristen eher zur Trivialliteratur zählt.

Vielleicht sind darum manche Enkel Baedekers von dem enzyklopädischen Ehrgeiz besessen, uns alles über Land und Leute zu sagen. Eine solche Bildungsreise nach Wales bietet uns H. E. Conrad an: gründlich, übersichtlich, reich an Zahlen und Zitaten, randvoll mit Geschichte und Geschichten; ein scheinbar exemplarisches Reisebuch.

Fast 500 Seiten über ein Land, das nur halb so groß ist wie die Schweiz: Was wollen wir mehr? Wollen wir etwa, bei der Fülle der Fakten, über Detailfehler nörgeln: daß der Präraffaelit Burne-Jones für Hawarden nicht nur ein Kirchenfenster entwarf, sondern fünf? Daß das Seebad Llandudno nicht mehrere Piers hat, sondern nur eine? Daß David Nash kein "Landkünstler" ist, allenfalls ein Land-Art-Künstler, und daß er nicht "am Waldrand" lebt, sondern am Rand riesiger Schieferhalden?

Läßliche Sünden. Gravierender ist etwas anderes: Wir erfahren fast alles über die historischen Turbulenzen und fast nichts über die Gegenwartsprobleme von Wales. Nichts über die lange Diskriminierung der walisischsprachigen Minderheit; nichts über die Protestbewegung der sechziger Jahre; nichts vom Separatismus der Nationalisten, von Brandanschlägen gegen englische Zweitwohnsitze, von überfluteten Tälern für Reservoirs, deren Wasser die Waliser teurer bezahlen müssen als die Engländer.

Hat der Prestel-Verlag dieses Buch lektoriert oder das Britische Fremdenverkehrsamt in London? Warum wird jeder kymrische König ausgegraben und eine heutige Symbolfigur wie Gwynfor Evans nicht einmal erwähnt? Warum werden nur populäre Dichter wie Dylan Thomas und Richard Llewellyn vorgestellt, Saunders Lewis aber oder R. S. Thomas, für das walisische Selbstverständnis heute ungleich wichtigere Autoren, einfach weggelassen?

Das 20. Jahrhundert, behauptet unser Baedeker, zeige, "wie stark die Waliser ihrer Sprache, dem Kymrischen, entsagt haben". Entsagt? Ausgetrieben wurde es ihnen. Und dennoch: Rund 150 walisischsprachige Buch-Neuerscheinungen pro Jahr bezeugen, wie aktiv diese Minderheit ist.

Was also ist mit ihrem "Wunsch nach nationaler Eigenständigkeit und nationaler Einheit"? Der fand, so einfach ist das, "seine Erfüllung, als Cardiff 1956 offiziell als Hauptstadt von Wales anerkannt wurde". Ein Problem aber kann auch unser Führer nicht lösen: "Wales ist ein Land, das verzweifelt gegen den Verfall seiner Küche kämpft." (H. E. Conrad: Wales. Prestel-Verlag, 484 Seiten, 36 Mark). Peter Sager