Wenn komplizierte Steuergesetze geändert werden sollen, womöglich gar zum Nachteil des Staates und zum Vorteil seiner Bürger, dann ist eines von vornherein fast gewiß: Die Veränderung wird sich verspäten. Diese Erfahrung hat man bereits zur Zeit der sozialliberalen Bonner Koalition machen müssen – man denke nur an die 1975 in Kraft getretene Steuerreform, die nach den Worten des einstigen Finanzministers Alex Möller ein Jahrhundertwerk hätte werden sollen, und die dann doch, obendrein mit Verzug, zu einem arg durchschnittlichen Bündel von Änderungen verkümmert ist.

Doch die steuerpolitische Unpünktlichkeit wird auch Helmut Kohl begleiten. Die Reform des steuerlichen Familienausgleichs, die er, forsch wie immer, zum 1. Januar 1984 versprochen hat, wird nie und nimmer zu diesem Datum Gesetzeskraft erlangen. Insider und Fachleute in den verschiedenen Bonner Ministerien sprechen über die unausweichliche Verschiebung dieses Termins so ungeniert, als sei sie bereits offiziell beschlossen.

Wollte Gerhard Stoltenberg, vorausgesetzt, er bleibt Finanzminister auch nach dem 6. März, die Gesetzesreform rechtzeitig zum Anfang des Jahres 1984 fertigbekommen, so müßte er den Gesetzentwurf bereits im kommenden Frühjahr dem Bundestag zuleiten. Das aber ist ganz ausgeschlossen. Denn dafür ist die Reform des Familienlastenausgleichs – ihr Herzstück wird das sogenannte "Familiensplitting" sein, das an die Stelle des bisherigen "Ehegattensplittings" bei der Einkommensteuer treten soll – viel zu kompliziert.

Die Operation erfordert wahrscheinlich einen ganz neuen Einkommensteuer-Tarif. Sie darf den Staat nicht zuviel kosten, soll andererseits aber mehr Gerechtigkeit erzeugen – gegenüber den Familien mit Kindern, zu denen, dank dem neuen Urteil des Bundesverfassungsgerichts, auch die "Halbfamilien" mit nur einem Elternteil gezählt werden müssen. Und sie soll gesonderte Leistungen wie Ausbildungsfreibeträge und Haushaltsfreibetrag, Bafög und womöglich auch Kindergeld überflüssig machen.

Für so etwas braucht man nicht Monate, sondern wahrscheinlich Jahre. Hinzu kommt, daß man für eine solche Reform allerlei statistisches Material aus den Gemeinden benötigt, welches so schnell nicht verfügbar sein wird. Auch dieser Mangel wird, so hört man, nicht schon bis zum Frühjahr des kommenden Jahres behebbar.

Mitunter fällt es schwer, die These zu viderlegen, seit sechs Wochen werde in Bonn nur noch "Klassenkampf von oben" und "Umverteilung von unten nach oben" betrieben. Mancherlei Details der allmählichen Revision einer überfrachteten Sozialpolitik mögen den Eindruck erwecken, diese These sei richtig, und im beginnenden Vorwahlkampf wird solcher Anschein schnell als Gewißheit ausgegeben.

So mag denn auch der bis dahin in der Öffentlichkeit noch kaum hervorgetretene SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Feile gedacht haben, er könne mit der Behauptung, die für den kommenden Jahresbeginn anvisierte Reform der Grunderwerbsteuer diene der Umverteilung "von unten nach oben", rasch ein paar Pluspunkte sammeln.