Von Fritz Pleitgen

Leonid Breschnjews Größe wuchs mit der Entfernung. Von nahem wirkte er wie der vollendete Durchschnitt. Spötter in Moskau behaupteten während seiner Amtszeit, es sei das Mittelmaß gewesen, das ihn groß gemacht hätte; typisch für diese Sowjetgesellschaft. Breschnjews Lebensgeschichte spricht nicht dagegen. Die Graphik seiner Karriere ist ohne Zacken. Es gibt Abschwünge, aber keine Abstürze.

Breschnjew glitt in idealer Stromlinie durch schwerste Turbulenzen, weder durch außergewöhnliche Taten noch durch Versagen auffallend. Was ihm aufgetragen wurde, erledigte er solide, das Muster eines zuverlässigen Funktionärs. Doch damit allein wurde er nicht Generalsekretär der KPdSU.

"Er hatte das wunderbare Fingerspitzengefühl eines Politikers und entwickelte das hervorragende Talent eines Organisators, womit er eine unanfechtbare Autorität erlangte!" Diesen ehrenvollen Nachruf auf den ersten sowjetischen Staatschef Jakow Michailowitsch Sweralow hätte sich Lenin auch auf Leonid Iljitsch Breschnjew leisten können, der ihm als vierter Führer der KPdSU nachfolgte (Malenkows Amtsmonate ausgespart).

Fingerspitzengefühl und Organisationstalent: Breschnjew besaß beides. Er bewies es in der politischen Verwaltung der Armee, bei der Neulandgewinnung in Kasachstan und der Entwicklung der Raumfahrt. Wichtigstes Produkt seiner Begabungen aber war ein weitgefächertes Netz von Freunden und Gleichgesinnten, die eine unschlagbare Interessengemeinschaft bildeten. Sie sicherten seine Führung und damit auch ihre Position, selbst als die Krankheit Breschnjew immer häufiger monatelang außer Gefecht setzte. Sehr zum Schaden der Sowjetunion übrigens: Breschnjew – in guten Jahren Inbegriff einer dynamischen sozialistischen Supermacht wurde als schwerkranker Mann zum Symbol der Schwäche Moskaus.

Der Autoritätsverlust war jedoch schon zu Lebzeiten zu spüren. Es gibt in der Sowjetunion die vielbeschworene Einheit zwischen Volk und Führung nicht. Die Achtung oder die Furcht sind gewichen. Was die da oben machen, ist denen unten egal.

Als Leonid Breschnjew 70 Jahre alt wurde, mußten die Sowjetbürger wochenlang Würdigungen über den teuren Jubilar über sich ergehen lassen. Das Resultat der Kampagne: Bei einer Umfrage in Moskau gaben zwar alle 20 Interviewten an, sie hätten vom Geburtstag des Generalsekretärs gehört, aber keiner wußte das Alter Breschnjews zu nennen. Die Angaben schwankten zwischen 50 und 80 Jahren.