Von Kurt Becker

Gerät bei uns eine der bewundernswertesten Errungenschaften der Nachkriegszeit ernsthaft in Gefahr: der soziale Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit? Alle Welt hat über die Jahrzehnte hinweg die innere Beständigkeit der Bundesrepublik bestaunt und darunter politische wie wirtschaftliche Stabilität verstanden. Aber als das wirkliche Fundament der Stetigkeit und des Wohlstandes ist von Beginn an, schon zu Zeiten Konrad Adenauers, der soziale Ausgleich zwischen Unternehmern und Gewerkschaften erkannt worden. Er überdauerte all die politische Polarisierung, die sich an der Sicherheitspolitik und der Ostpolitik, an Kernenergie und Kernwaffen entzündete.

Mit dem sozialen Konsens sind alle gut gefahren. Nie hat ein Kanzler oder ein Oppositionsführer versäumt, die Besonnenheit und das Augenmaß der Gewerkschaften im Gebrauch der eigenen Macht als Säulen unseres Wohlstandes und unserer Demokratie zu würdigen.

Härtere Sprache

Der wirtschaftliche Einbruch und zwei Millionen Arbeitslose gefährden die Fortdauer dieses vertrauten Zustandes. Ihre jüngsten Protestdemonstrationen gegen die Sparpolitik der Bundesregierung hatten die Gewerkschaften ursprünglich noch gegen die Bonner sozial-liberale Koalition auf die Beine bringen wollen. Doch der Wechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl inspirierte sie nun zu viel härterer Sprache und zu klassenkämpferischen Einsprengseln.

Eine neue Polarisierung größeren Ausmaßes droht heute nicht so sehr auf den klassischen Feldern der Außenpolitik, sie droht vielmehr im Kampf um die richtige Wirtschaftspolitik, um die unvermeidbaren Reparaturen am sozialen Netz, und um die Verteilung des Sozialproduktes. Sie droht um so mehr, als es nun nicht mehr um die Zuweisung von Zuwächsen, sondern nur noch um die Belastung der einzelnen Gruppen mit realen Einbußen gehen kann. Die neue Polarisierung, käme sie erst in Gang, würde wohl auch auf andere politisch kontroverse Themen übergreifen.

Kohl tut sich schwer