Von Benjamin Henrichs

Plötzlich ist das Theater zum Leben erwacht. Schuld daran sind seltsamerweise zwei ganz und gar unmögliche, unspielbare Stücke. Stücke, über die das Urteil längst gesprochen war.

Peter Handkes dramatisches Gedicht "Über die Dörfer" schien nach seiner Salzburger Uraufführung verdammt zu sein in alle Ewigkeit. Und Heinrich von Kleists Drama "Die Hermannsschlacht" schien nach der Nazizeit vergessen (oder verdrängt) für alle Zeiten.

Das guttrainierte kritische Bewußtsein kann dies Urteil rasch begründen; es genügt ihm ein Hinweis auf die dubiose Gattung der Stücke: "Über die Dörfer" nennt man ein "Erlösungsdrama", "Die Hermannsschlacht" ein "vaterländisches Schauspiel". Wenn beide Stücke jetzt auf das Theater kommen, kann das nur ein neues, makabres Zeichen für die "Wende" sein – denn es geht in den Stücken tatsächlich auch um so anrüchige Dinge wie Gemüt und Gott, Krieg und Vaterland.

Vor zwei Wochen hatte Niels-Peter Rudolph in Hamburg seine Version von Handkes Stück gezeigt. Und jetzt spielt man in Bochum "Die Hermannsschlacht", eine Inszenierung von Claus Peymann: ein großer Abend für das Bochumer (und nicht nur das Bochumer) Theater. Widerlegt haben beide Aufführungen jene etwas einfältige, jüngst auch wieder von Rolf Hochhuth vorgetragene These, die beiden" Regisseure seien der Todfeind der Theaterautoren. Peymann in Bochum und Rudolph in Hamburg beweisen das Gegenteil: Auf dem Theater bleiben die Dichter ohne die Regisseure stumm.

Peymann und Rudolph haben die unmöglichen Stücke weder in blinder Bewunderung noch mit routiniertem Abscheu gelesen. So haben sie entdeckt, daß in beiden Stücken die Dichter Experimente inszenieren, Spiele mit und gegen sich selbst. "Über die Dörfer" ist nur zu verstehen (und zu ertragen) als ein Versuch, dem übermächtigen Ekel den übermäßigen Gesang entgegenzusetzen – kein Erlösungsarama, sondern allenfalls dessen Entwurf. Und "Die Hermannsschlacht", Kleists Theatertraum von einem mächtigen, skrupellosen Deutschland, ist nur zu begreifen als ein Kampf des Dichters gegen die eigene quälende Ohnmacht. Hermann der Cherusker ist die perfekte Kampfmaschine. Ein deutscher Held. Doch sein Erfinder, ein deutscher Dichter, schreibt von der eigenen "Traurigkeit", die eine "höhere, festgewurzelte und unheilbare" sei. Hermann tötet seine Gefühle, Kleist wird von den Gefühlen getötet: "Meine Seele ist so wund, daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert."

Ein vaterländisches Schauspiel. Doch es gibt, außer in Kleists Kopf, kein Vaterland dafür. Der "Prinz von Homburg", Kleists Preußendrama, hat am preußischen Hof vor allem Entsetzen ausgelöst. Und auch die patriotische Parabel von der "Hermannsschlacht" (die mit den "Römern" unübersehbar die napoleonischen Besatzungstruppen meint und attackiert) kann für einen rechten Patrioten nur ein Schrecken sein.