Von Heinz Josef Herbort

Einfach und schön

Spätestens mit der Anerkennung der "Neuen Welle" als solcher ist auch in der Unterhaltungsmusik von einer "neuen Einfachheit" die Rede – die E-Musik träumt davon seit Prokofiew, Terry Riley oder Peter Michael Hamel. Womit zugleich angedeutet ist, daß "einfach" hier bereits dreierlei meint (und noch ein paar andere Bedeutungen erhalten kann). Das Repetitive auf der einen, das Sensitive auf der anderen Seite – im Spannungsfeld dieser Pole sucht die Neue Musik der späten siebziger und frühen achtziger Jahre ihren Weg. Das Protokoll eines Symposions in Graz liefert ein paar Überlegungen zum Thema: Bekenntnisse betroffener Komponisten, Analysen, Theoreme, Vermutungen. Sie sollten keineswegs den Lesern aus dem E-Bereich vorenthalten bleiben – "Zur ‚neuen Einfachheit’ in der Musik", Hrsg. Otto Kolleritsch, Studien zur Wertungsforschung, Bd. 14; Universal Edition, Wien 1981; 253 S., 36,– DM.

Ordnung und Freiheit

Die eher ironische, jedenfalls skeptische Frage, ob ein Künstler tatsächlich an Bedeutung gewinne, sein Werk interessanter werde durch die Tatsache, daß er ein "rundes" Jubiläum begehe, ist dieses Mal kaum zu stellen. Wenn anläßlich der hundertsten Wiederkehr von Strawinskys Geburtstag in den Konzerten der Städtischen Orchester Nordrhein-Westfalens gewissermaßen ein Strawinsky-Zyklus in progress Versäumtes gutmachen möchte, so äußert sich in der Dominanz der Ballette "Feuervogel" oder "Pulcinella" zwar eine erschreckende Tendenz zum Populistischen. Aber der Ernst, mit dem in der jüngeren Komponistengeneration wieder über eine neue Klassizität nachgedacht wird, über das Verhältnis von Ordnung und Freiheit, fester Regel und Kreativität, läßt sie immer wieder auf Strawinsky zurückkommen, der in seiner "Musikalischen Poetik" formulierte: "Jede Kunst setzt eine auswählende Tätigkeit voraus. Wenn ich an die Arbeit gehe, so habe ich meistens kein klares Ziel vor Augen. Fragt man mich in diesem Stadium, was ich wolle, hätte ich Mühe, es zu sagen; aber ich antwortete jederzeit präzis, wenn man mich fragte, was ich nicht will." Und an anderer Stelle: "Wenn mir alles erlaubt ist, das Beste und das Schlimmste, wenn mir nichts Widerstand bietet, dann ist jede Anstrengung undenkbar, ich kann auf nichts bauen, und jede Bemühung ist demzufolge vergebens." Kein Zweifel, daß die wichtigsten Jahre Strawinsky in Paris sahen, 1910 bis 1939: zwischen Diaghilew und Cocteau, Ramuz und Ansermet, Picasso und André Gide. Das dortige Geschehen einzuordnen in das ästhetische und gesellschaftliche Umfeld, in die musikalische Tradition wie die allgemein-künstlerischen Tendenzen, ist Ziel von Theo Hirsbrunner: "Igor Strawinsky in Paris"; Laaber, 1982; 264 S., Notenbsp., Abb., 46,– DM (Subskription 36,–DM). Eine Monographie, die den Zyklus-Vorstellungen an Rhein und Ruhr durchaus eine "flankierende Maßnahme" im besten Sinne sein könnte. Die Idee, ein Strawinsky-Lexikon anzulegen, erscheint zunächst, aber zu schnell, verwegen und kurios. Denn was Heinrich Lindlar in seinem "Strawinsky-Lexikon"; Lübbe, Bergisch-Gladbach, 1982; 224 S.‚ 22,– DM, zusammentrug, wie er auf doch recht knappem Raum jedes der Werke über eine bibliographische Kürze hinaus vorstellt, die offenbar auch saubere Recherche – das macht das taschenbuchgroße Lexikon äußerst nützlich. Es wird, allerdings auf Kosten des leichteren Zugriffe, übertreffen von einer sehr konzentrierten und trotzdem ausführlichen, zunächst biographischen, dann mit Strawinsky-Texten dokumentierenden, schließlich in kleineren Analysen ins Kulturgeschichtliche ausgeweiteten Monographie im Taschenbuchformat: Wolfgang Bürde: "Strawinsky"; Goldmann/ Schott, München/Mainz, 1982; 444 S., Notenbsp., Abb., 14,80 DM.

Geschmack und Wissen

Keinen Geschmack zu haben, gilt auch heute noch als ästhetischer Defekt – über Musik nach Geschmack zu urteilen aber als gefährlich, weil "subjektiv". Etwas über Musik zu wissen, zählte einmal zu den Notwendigkeiten einer Allgemeinbildung – Bildungssystem. wie Medien-Alltag ließen Musik zu einem Ornament herunterkommen; daß Geschmack durch Wissen verfeinert wird, gilt allenfalls noch in der Küche als trivial. Über einen Teilbereich, die Aufführungsmodalitäten der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, hat der österreichische Cellist und Musikologe Nikolaus Harnoncourt viel Wissenswertes in Archiven erforscht und Hörensweites auf Platten erspielt – seine Aufsätze, Vorträge, Einführungen, Bekenntnisse liegen jetzt gesammelt vor – Nikolaus Harnoncourt: "Musik als Klangrede"; Residenz, Salzburg/Wien, 1982; 283 S., 42,– DM.