Die erste alternative Bewegung, die es in Deutschland gab, ist nun beinahe hundert Jahre alt, und sie war einst so bunt wie die Szene heute. Damals revoltierten Vegetarier und Jünger von Bircher-Benner, Anhänger von Naturheilkunde und Freikörperkultur, Gegner von Alkohol und Nikotin gegen die Industrialisierung und ihre Folgen. Sie sammelten sich in der Lebens-Reform-Bewegung. Die 1887 vom Textilkaufmann Carl Braun in Berlin gegründete "Gesundheits-Zentrale", in der man Hilfsmittel zur Naturheilkunde, pflanzliche Fette, Trockenfrüchte und Vollkornbrot kaufen konnte, gilt als Vorläufer der heutigen Reform-Häuser.

Die jüngste alternative Bewegung verhilft den traditionsreichen Häusern nun zu einem Boom, der im etablierten Einzelhandel seinesgleichen sucht. Während im vergangenen Jahr die Einzelhandels-Fachgeschäfte ihren Umsatz gerade um ein Prozent erhöhen konnten, legten die Reformhäuser stolze acht Prozent zu. Keine andere Handelsbranche war auch nur annähernd so erfolgreich.

Die Händler von Reformwaren sind in der neuform-Vereinigung deutscher Reformhäuser e. G. zusammengeschlossen. Letztes Jahr gab es knapp 1700 neuform-Häuser und über 900 Depots in Drogerien und Apotheken. Vor zehn Jahren war diese Relation noch deutlich anders: zu gut 2000 Reformhäusern kamen nur 700 Depots. Geschäftsaufgaben aus Altersgründen und Nachfolgeprobleme sind die wesentlichen Gründe für den deutlichen Rückgang. Die Gesamtzahl der Absatzstätten, 1971 bei 2700, veränderte sich nur geringfügig auf 2600.

Der Umsatz kletterte indes stetig. 1975 lag er noch bei 545 Millionen Mark, letztes Jahr setzte die neuform-Organisation 760 Millionen Mark um, sechzig Millionen mehr als 1980. Größte Warengruppe bilden mit über fünfzig Prozent die Lebensmittel. Diätetische Lebensmittel kommen auf gut fünfzehn Prozent und Naturheilmittel auf 22 Prozent. Den größten Zuwachs innerhalb des Gesamtsortiments erzielten Körperpflegemittel und Kosmetika, die jetzt einen Umsatzanteil von über zehn Prozent haben.

Durch den Wunsch vieler, vor allem jüngerer Frauen, sich lieber mit "natürlichen" Präparaten zu pflegen, statt mit den Produkten der Kosmetikindustrie, kam in den letzten Jahren eine neue, jüngere Kundschaft in die Reformhäuser, die lange unter dem tristen Image zu leiden hatten, für die Leiden älterer Herrschaften passende Mittel parat zu haben. Die Selbstbackwelle und die neue Kochmode, auch mal Fleischloses anzubieten, taten ein übriges.

Freilich, viele Reformhausbesitzer wußten auch die neue grüne Welle zu nutzen. Rund zwanzig Prozent ihrer Sortimente decken sie nicht über ihre Organisation und ihr verbundener Hersteller ein. So finden sich denn immer öfter Produkte von Demeter-Höfen und Bio-Bauern in Regalen und Körben der Reformhäuser – nicht gerade zur Freude der neuform.

Denn Alt-Alternative und Neu-Alternative sind sich nicht immer grün. Die Reformhäuser, die sich ihr seriöses Image nicht gern von Öko-Freaks und dem bunten Volk der Szene aufheitern lassen wollen, loben wohl die strikten Regeln vom biologischen Anbau, beklagen aber zugleich die fehlende Rückstandskontrolle der so erzeugten Produkte. Umweltschützer und Ökologie-Bewegte klagen unterdes, daß die Reformhäuser bei ihren Frischprodukten keinerlei besonderen Wert auf die Anbaumethoden legen.

Gunhild Freese