Von Dieter Buhl

Washington, im November

Sie verstanden sich, selbst wenn sie gerade nicht miteinander redeten. So synchron kam das Lächeln, so gleich gerieten die freundlichen Gesten, daß eine Verständigung beinahe ohne Sprache möglich schien. Die Vorausschau hätte sich bestätigt: Ronald Reagan und Helmut Kohl passen zueinander. Ein politisches Duo, das sich durch Habitus und konservative Gesinnung gleichsam in einer politischen Seelenverwandtschaft verbunden scheint.

Das Protokoll des Weißen Hauses unterstrich solche Gemeinsamkeiten. Obwohl an diesen? frischen Herbstmorgen nur ein offizieller Arbeitsbesuch begann, der Geschäftsmäßigkeit und protokollarische Erhebung zugleich garantieren sollte, Stand dem gewohnten Schulterschluß auf der Tribüne nichts im Wege. Dicht an dicht hörten der Präsident und der neue Kanzler die Nationalhymnen, Sie erfreuten sich an dem präzisen Schauspiel der Ehrengarde zu ihren Füßen und froren still vor sich hin, wie all die anderen Zuschauer auf dem Südrasen des Weißen Hauses auch.

Die Zeit zum Aufwärmen im ovalen Präsidenten-Büro war gekommen. Helmut Kohl nutzte sie, indem er seine politische Grundhaltung an Hand von persönlichen Erfahrungen erklärte, wie es sein deutsches Publikum seit langem gewohnt ist. Für den Präsidenten hingegen muß es ein unerwartetes Erlebnis gewesen sein, von einem Kanzler keine Erläuterungen über Weltwirtschaft und -politik zu hören, sondern ganz einfache Geschichten aus dem Leben eines Deutschen. Von dem Bruder etwa, der im Krieg gefallen war, oder von den westdeutschen Bauern an der Grenze zur DDR, die auch bei schlechtem Wetter weiterarbeiten, wenn die Mitglieder der Kolchosen auf der anderen Seite längst die Felder verlassen haben.

Solche Gespräche behagen dem Präsidenten. Er unterhält selber gern mit Alltagserlebnissen. Noch nie, so behaupteten erfahrene Zeugen deutschamerikanischer Gipfeltreffen, habe sich Reagan von einem ausländischen Staatsbesucher so animiert gezeigt wie jetzt von Kohl. Mit dieser Wirkung war bereits erreicht, was auch nach amerikanischer Auffassung der Hauptzweck der Begegnung sein sollte: nicht den politischen Tiefgang zu versuchen, sondern nach drei vorhergehenden Treffen nun die persönliche Bekanntschaft zu intensivieren.

Das fiel auch deshalb leicht, weil Ronald Reagan mit der Aufhebung seines Embargos gegen Erdgas-Röhren-Geschäft das sperrigste Hindernis auf dem Pfad zu neuer offizieller Herzlichkeit aus dem-Weg geräumt hatte. Seine Freude darüber ließ der Kanzler kaum erkennen – sei es aus Überzeugung oder gemäß der Bismarckschen Maxime, im Augenblick der Genugtuung Mäßigung zu beweisen. Jedenfalls versicherte er immer wieder, das Röhren-Geschäft sei seine Idee ohnehin nicht gewesen, wobei er für den amerikanischen Gebrauch unaufgefordert ergänzte, zu den Fans dieses Handels habe er sich sowieso nie gezählt.