Von Nina Grunenberg

Als Heinz Kluncker am 29. September 1982 im Wiesbadener Theater von den Funktionären der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr als Vorsitzender Abschied nahm, fiel ihm das Reden so schwer, daß ihm die Worte nur noch leise und stockend über die Lippen kamen.

Achtzehn Jahre lang hatte er die Millionenschar der Beschäftigten im öffentlichen Dienst angeführt und war für die Arbeitgeber in Bund, Ländern und Gemeinden in den Tarifverhandlungen nicht nur ein mächtiger Widerpart gewesen, sondern oft auch eine Heimsuchung. Unserer an markanten Erscheinungen nicht eben reichen Öffentlichkeit hatte sich der massige Mann als "Gewerkschafter wie aus dem Bilderbuch" eingeprägt. Sein plötzlicher Rücktritt löste Betroffenheit aus.

Ihn selber bewegte in Wiesbaden aber nicht nur das eigene, von seiner ruinierten Gesundheit vorzeitig erzwungene Ende, ihn bedrückte auch die Sorge um die Zukunft der Gewerkschaften. Ausgestattet mit einem Gefühlshaushalt, dessen hochkomplizierte Empfindlichkeit ihn zum moralischen Gewissen des Deutschen Gewerkschaftsbundes gemacht hatte, und mit einer Strategischen Begabung, die über die praktischen Erfordernisse des Tages hinausreichte, bangte er um den Erhalt des gewerkschaftlichen Besitzstandes, um Macht, Ansehen und Kampfkraft seiner Organisation.

Früher als anderen war Kluncker bewußt, daß die große Krise, die bisher die Gewerkschaften nur in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft entdeckt haben, längst auch die eigene Institution erfaßt hat. Diese Erkenntnis hatte Heinz Kluncker nicht nur im Kopf, sie ging ihm durch Mark und Bein. Sie mobilisierte auch deswegen alle seine Instinkte, weil er in der Tradition der Gewerkschaft verwurzelt ist. Seine Familie – die Eltern und Großeltern, die Geschwister der Eltern und deren Ehepartner – ist seit der Revolution in der Gewerkschaft aktiv. Daß die Klunckers alle auch Sozialdemokraten waren, versteht sich fast von selbst.

Aus diesem Stammbaum erklärt sich auch das notorisch gute Gewissen, mit dem Heinz Kluncker für die Interessen seiner Organisation focht. Als wäre er wirklich noch ein echter, aus der Tiefe des Volkes kommender Arbeiterführer der frühkapitalistischen Epoche – und nicht der Chef-Lobbyist für die öffentlichen Dienste – rief er seinen Funktionären in Wiesbaden zum Abschied pathetisch zu: "Ich werde mit euch leiden, wenn die Herrschenden dieser Welt versuchen, euch zu überfahren."

Kein Privileg der Welt könnte einen deutschen Gewerkschaftsfunktionär davon überzeugen, daß er aus dem Heer der Entrechteten schon vor langer Zeit entlassen wurde. In wirtschaftlich guten Zeiten werden solche rhetorischen Versatzstücke auch eher wie Traditionsfahnen mitgeführt. Sie erinnern an die Kämpfe der Väter und Großväter. In der Depression bedeuten sie mehr. Das macht auch die militante Sprache deutlich, mit der die Redner auf den großen Protestkundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes in diesen Wochen zu Werke gehen. Die Besinnung auf die alte Klassenpolitik ist ein Indiz dafür, daß die Funktionäre in der Requisitenkammer der Arbeiterbewegung nach Halt und Orientierung suchen. Ihnen graut vor dem, was sie auf sich zukommen sehen. Aber so wenig wie alle anderen haben sie zeitgemäße Antworten dafür. Nur eines glauben sie sicher zu wissen: "Wer nicht Amboß werden will, muß Hammer sein."