Eine Ausstellung: Kunst und Kultur Syriens

Von Patrick Rau

Baal – beim Klang dieses Namens erinnert man sich vielleicht an den Konfirmationsunterricht, an Stellen aus dem Alten Testament, Verfluchungen der Propheten gegen den Kult der Baale, der auf den Höhen gefeiert wurde. Man erinnert sich vielleicht an Bertolt Brecht, sein frühestes Werk, den Choral vom großen Baal. Zur Zeit steht der Göttername als Signet einer großen Ausstellung, die Kunst und Kultur Syriens, des Landes zwischen Meer und Wüste, dokumentiert: "Syrien – Land des Baal." Die Ausstellung kam nach ihrer Berliner Premiere im März über Aachen nach Tübingen, wo sie in diesen Wochen, bis zum 2. Januar 1983, in der Kunsthalle zu sehen ist. Im nächsten Jahr soll sie noch in Frankfurt und München gezeigt werden.

Syrien, in seinen heutigen Grenzen erst nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen, in seiner wirtschaftlichen und kulturellen Vielfalt jedoch schon über Jahrtausende bestehend, ist ein uralter Kulturraum. Es ist der Raum zwischen Mittelmeer und Euphrat, zwischen dem Taurusgebirge und der syrischen Wüste. Es sind die Oasen am Rande dieser Wüste und in ihrem Innern. Wegen seiner fruchtbaren Böden und des in günstigen Zeiten ausreichenden Niederschlags wurde dieser Teil des fruchtbaren Halbmonds schon früh zum bevorzugten Siedlungsgebiet. Und Baal ist es, dem man diesen Reichtum verdankt, Baal, der Donnerer, der auf Wolken reitet, der Gott, der den Regen bringt. "Und nun wird Baal die Zeit seines Regens festsetzen ... und er wird erschallen lassen seine Stimme in den Wolken, indem er abschießt zur Erde die Blitze" – so sagt es ein ugaritischer Mythos aus dem 13. Jahrhundert vor Christus.

Ugarit war es, das heutige Räs Schamra am Mittelmeer, das uns die Kenntnis von Baal, von frühkanaanäischer Religion wieder vermittelte. Vor 50 Jahren setzte hier der Spaten der Archäologen an, und der Reichtum einer Handelsstadt aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. wurde sichtbar. Die Ausstellung macht deutlich, was diesen Reichtum ausmachte. Aus dem Osten, aus Mesopotamien, kamen nicht nur Handelsgüter und Motive altorientalischer Kunst, es kam auch die Keilschrift, die für Briefe und Rechtsurkunden, für wissenschaftliche Werke und Literatur Verwendung fand. Aus dem Norden, von den Hethitern, kam zeitweilig die Schutzmacht der Stadt, die ebenfalls ihre künstlerische Tradition weitergab und erhebliche Steuern von der Stadt eintrieb. Mit dem Süden, mit Ägypten, verband Ugarit ein reger Austausch von Gütern, und die Einflüsse der verfeinerten Kultur einer XVIII. und XIX. ägyptischen Dynastie sind auf Schritt und, Tritt zu verfolgen. Kontore der Griechen

Doch auch vom Westen, aus dem ägäischen Raum, aus dem nahe gelegenen Zypern und auch aus Kreta sind Importe nachgewiesen, Handelskontore früher Griechen scheinen in der Stadt bestanden zu haben. So bieten die Objekte der Ausstellung, Bronzefigürchen von Göttern und Göttinnen, kostbare Gerätschaften und Gefäße, Waffen und Schmuck, Schriftdokumente und Rollsiegel, einen einzigartigen Einblick in eine kulturelle Symbiose, die trotz vielfältiger Einflüsse das eigene Gesicht des Syrischen zu bewahren vermag. Baal beherrschte die Stadt, sein Wohnsitz war der Gebel el Aqra, der alte Mons Casius, im Norden der Stadt.

Die Stadt Mari ist ein anderer Schwerpunkt. Am Euphrat, nahe der irakischen Grenze gelegen, war Mari immer stärker nach Mesopotamien hin orientiert als die weltoffene Handelsmetropole am Mittelmeer. Bäurisches Umland und Nomaden der Steppe haben Mari stärker geprägt als eine Kaufmannschaft. Als Wegstation nach dem Norden war die Stadt aber immer, schon in der Mitte des dritten Jahrtausends, bedeutsam. Ein kostbarer Schatz, vielleicht ein Geschenk aus der Stadt Ur, wurde im alten Palast der Stadt geborgen. Beter-Statuetten, die ihren Stifter im ständigen Gebet vor der Gottheit repräsentieren, kamen hier wie in Mesopotamien ans Licht. In Mari jedoch erhalten sie individuelle Züge, sind sie frei von statuarischer Strenge, wie sie Mesopotamien immer bewahrte. Im Palast der Stadt aus dem zweiten Jahrtausend wurden Malereien entdeckt, die gleichfalls Typisches und Individuelles zu vereinigen verstanden und uns das bunte Bild syrischer Tracht und syrischer Kulte vor Augen führen.