Die Katastrophe nimmt ihren Lauf – Deutschlands Stahlindustrie steht kurz vor dem Ruin. An der Saar hat nur eine Soforthilfe aus Bonn und Saarbrücken den Konkurs eines Unternehmens verhindert, an der Ruhr, in Niedersachsen und Bremen zieht der Pleitegeier schon seine Kreise. Grund genug für den Vorsitzenden der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, Thyssenchef Dieter Spethmann, einen Brandbrief an den Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff zu schreiben. In einem "Stahlgespräch" am vergangenen Dienstag sind Spethmanns Vorstellungen vertieft worden.

Fazit des Briefes ist: Die deutsche Stahlindustrie ist dem Wettbewerb der subventionierten Konkurrenten aus anderen EG-Ländern nicht länger gewachsen. Entweder gelingt es Bonn, die Wettbewerbsverzerrungen abzustellen, oder die Bundesregierung muß in die Tasche greifen und die deutsche Stahlindustrie ebenfalls unterstützen.

Spethmann bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Hilfen für die Arbed Saarstahl GmbH und fordert: "Die Bundesregierung sollte darüber hinaus klarstellen, daß sie sich in Erfüllung ihrer Pflicht zur Wettbewerbsneutralität und Gleichbehandlung in allen vergleichbaren Fällen nicht anders verhalten wird als gegenwärtig gegenüber einem Unternehmen an der Saar."

Die Bundesregierung kommt jetzt also in Zugzwang. Sie kann die Stahlindustrie und ihre Beschäftigten schon deshalb nicht im Stich lassen, weil sie am 6. März nächsten Jahres die Wahlen gewinnen will. Und dabei spielt das Ruhrgebiet eine gewichtige Rolle. Zu vermuten, daß Bonn zahlen muß, weil sich die Wettbewerbsverzerrungen nicht über Nacht abstellen lassen, ist dabei naheliegend.

Das wäre freilich nur die Quittung für jahrelange Untätigkeit, Denn daß der alte und neue Bundeswirtschaftsminister mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das europäische Subventionsunwesen gekämpft hätte, läßt sich nun wahrlich nicht behaupten. Um des lieben europäischen Friedens willen und im Vertrauen darauf, die deutschen Unternehmen würden es schon schaffen, hat es Graf Lambsdorff bei verbalen Kraftakten bewenden lassen.

Die Unternehmen schaffen es aber nicht. Sie haben, wie Spethmann schreibt, "ihre Substanz in den langen Jahren der Auseinandersetzung mit der subventionierten EG-Konkurrenz aufgezehrt", und die noch zu Jahresbeginn gehegte Hoffnung, das von der EG-Kommission gestützte Preisgefüge bringe die Wende zum Besseren, erwies sich als trügerisch. Unterbietungen von bis zu zweihundert Mark je Tonne sind an der Tagesordnung.

Es kommt hinzu, daß der außenwirtschaftliche Flankenschutz unzureichend ist. Importe aus Drittländern hatten im ersten Halbjahr 1982 einen Anteil von fünfzehn Prozent an der deutschen Marktversorgung – in den übrigen EG-Ländern waren es hingegen nur sechs Prozent. Dies ist eine der Ursachen dafür, daß die deutsche Rohstahlerzeugung in diesem Jahr um fünf auf weniger als 37 Millionen Tonnen – und damit auf das Niveau von 1967 – sinken wird und daß derzeit nahezu jeder zweite Stahlarbeiter von Kurzarbeit betroffen ist.