In dem stickigen Kafenion an der Busstation glühen die Holzkohlen unter einem verrußten, rabenschwarzen Eisengrill. Hier wird später der Oktopus geräuchert, der jetzt noch zum Trocknen über der Leine hängt. Die meisten Gäste hocken draußen vor der Tür bei Ouzo und Häppchen geräucherten Tintenfisches.

Githion auf dem Peloponnes ist ein ursprüngliches Fischerstädtchen. In der Antike war es der Kriegshafen von Sparta, im öligen Wasser des Lakonischen Golfes schimmern noch alte Mauerreste durch. Vom Glanz und Wohlstand des Altertums ist nichts verblieben, viele der ringsum auf den Felsen errichteten klassizistischen Häuser sind verlassen und verfallen. Keine Hand rührt sich, das stille Sterben der einst mächtigen Stadt aufzuhalten.

Githion sollte unser Ausgangsort für einen Ausflug nach Monemvassia auf der Ostseite des Zeigefingers sein. Es wurde eine wahre Odyssee. Die mit Kreide auf einer großen Tafel aufgezeichneten Abfahrtszeiten der Busse waren verwischt und nicht mehr zu entziffern. Eine Direktverbindung, so wurde uns gesagt, gibt es nur zweimal wöchentlich. Auf die Frage, wann der letzte Bus von Monemvassia nach Githion fährt, erhielten wir fünf verschiedene Antworten. Deshalb beschlossen wir, den Bus bis Tarapsa zu nehmen und dann zu trampen statt auf den Anschlußbus zu warten. Ein weißer Lieferwagen nahm uns mit bis Skala; eine Schildkröte, die gerade die Fahrbahn überqueren wollte, zog erschreckt den Kopf unter den schützenden Panzer, als wir vorbeisausten. Der nächste Fahrer brachte uns nicht weit voran. Nach wenigen Kilometern standen wir wieder auf der Landstraße inmitten ausgedehnter Olivenhaine. Doch nicht lange. Ein Pritschenwagen hielt. "Monemvassia?" fragten wir zweifelnd. Der Grieche nickte, wir setzten uns neben ihn. Zu spät bemerkten wir, daß er an einer Kreuzung in die falsche Richtung fuhr. Wir landeten wieder am Meer, aber an der Westseite des Zeigefingers.

In einer Dorftaverne erfrischten wir uns mit Ouzo, salzigen Sardellen und Oliven. Ob wir Monemvassia überhaupt erreichen und vor allem den Bus zurück noch erwischen würden? Trampen ist in der abgeschiedenen Region Glückssache. Wir hatten Glück, ein Lastwagen brummte heran. Den hatten uns Götter geschickt. Der schnauzbärtige, freundliche Fahrer mußte nach Neapolis, doch für die "Jermanias" wollte er einen Umweg über Monemvassia machen. Aber eine Bäuerin, die gestenreich und lautstark schreiend am Straßenrand stand, warnte ihn vor der Schotterpiste: Für seinen Mehrtonner sei sie oben in den Bergen unpassierbar. Enttäuscht kletterten wir aus der Fahrerkabine und winkten hinter dem wendenden Laster her.

Immerhin: Wir waren unserem Ziel auf elf Kilometer nahe gekommen. Mit kräftigem Schritt marschierten wir los, wir hatten es eilig, wollten wir doch die Altstadt besichtigen, ehe der einzige Bus zurückfuhr. Ein letztes Mal hielt ein Autofahrer an und nahm uns mit – nach mehr als vier Stunden hatten wir Monemvassia erreicht.

Unter Byzantinern und Venezianern galt "Moni Emvasis" (was soviel wie "einziger Zugang" bedeutet) als ein blühender Handelshafen. Heute ist die Altstadt, traumhaft auf einem riesigen Felsbrocken im Meer gelegen, fast unbewohnt. Die gepflasterten Gassen sind schmal und verwinkelt, steigen steil zur mächtigen Burgruine hinauf. Im unteren Stadtteil mit seinen altehrwürdigen Häusern, die liebevoll restauriert werden, gibt es mehr als vierzig teilweise guterhaltene byzantinische Kirchen und Kapellen. Wo früher Franken, Venezianer und schließlich Türken ihre steinernen Spuren hinterließen, haben sich heute Maler, Schriftsteller und reiche Athener in den blumenüberwucherten Festungsmauern eingenistet. Mit den "Flying Dolphins", den Schnellbooten, rauschen sie von Piräus herüber.

Als wir über den Brückendamm zurück zur Neustadt liefen, kam gerade der Bus an, der uns herbringen sollte. Er wendete, nahm seine Gäste auf und fuhr sofort wieder los. Wir hatten also richtig gehandelt, als wir uns zum Trampen entschlossen. Wären wir mit dem Bus angereist, hätten wir keine Zeit für Besichtigungen gehabt.