Wirtschaftsspionage ist für die DDR ein blendendes Geschäft

Von Wolfgang Hoffmann

Wenn Markus Wolf, Chef der Spionageabteilung im Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS), zum Jahresende Bilanz zieht, kann er wieder mit sich zufrieden sein; Für den vergleichsweise niedrigen Einsatz von fünf Millionen Mark hat seine Abteilung für den Staatshaushalt der DDR den Gegenwert von mindestens dreihundert Millionen Mark erwirtschaftet, und zwar in Form von Know-how aus dem feindlichen Westen, aus der Bundesrepublik.

Die Aussicht auf eine so günstige Kosten-Nutzen-Rechnung läßt den Spionagecnef Wolf denn auch so manchen herben Verlust verschmerzen, den er in letzter Zeit erlitt, etwa den des 41jährigen Wissenschaftlers Rudolf Fahrig, ehemals Mitarbeiter am Freiburger Zentrallabor für Mutagenitätsforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Der Genetikforscher ist erst vor kurzem vom Stuttgarter Oberlandesgericht zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt worden. Das ihm zur Last gelegte Delikt: geheimdienstliche Agententätigkeit.

Nach Paragraph 99 Strafgesetzbuch wird bestraft, "wer für den Geheimdienst einer fremden Macht eine geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland ausübt, die auf die Mitteilung oder Lieferung von Tatsachen, Gegenständen oder Erkenntnissen gerichtet ist, oder gegenüber dem Geheimdienst einer fremden Macht oder einem seiner Mittelsmänner sich zu einer solchen Tätigkeit bereit erklärt".

Nach dem noch nicht rechtskräftigen Urteil des OLG Stuttgart soll Fahrig seinem in der DDR lebenden Schwager, einem Agenten der Staatssicherheit, Arbeiten über Vererbungslehre und Krebsforschung geliefert haben, an sich eher harmlose Nachrichten. Doch es spielt keine Rolle, ob es sich um tatsächliche Geheimnisse handelt oder nur um Material, das auch in besseren Fachzeitschriften nachzuschlagen ist. Entscheidend ist die Tätigkeit für die fremde Macht.

Daß Fahrigs geheimdienstliche Tätigkeit aufflog, ist ausgerechnet einem von Marcus Wolfs Spitzenmännern zu verdanken, dem Agenten-Führungsoffizier Werner Stiller, der sich Anfang 1979 in die Bundesrepublik abgesetzt und reichlich DDR-Nachrichtenstoff mitgebracht hat, darunter auch solchen, der zur Enttarnung von dreißig mutmaßlichen Agenten führte, die vorwiegend auf den Gebieten Wirtschaft, Wissenschaft und Technik eingesetzt waren.