Was Erziehung und Schule zur Bewältigung der Zukunft leisten können

Von Hanna-Renate Launen

Es ist ein tolles Wagnis, Menschen mit heutigen Mitteln so zu befähigen, daß sie das Morgen bestehen können. Da bleibt angesichts der niemals ganz vorhersehbaren Zukunft, angesichts der freiheitlichen Nichtprogrammierbarkeit des Menschen stets vieles offen. Aber schließlich geht es nicht um Rezepte, eher um Entscheidungplanken, an denen man sich orientieren kann: Bildung als Leitlinie.

Der Ruf, der vor mehr als 20 Jahren erhoben wurde, bezog sich auf das Bestehen der Zukunft. Es sollten in einer technischen Industriegesellschaft mehr und besser qualifizierte Schulabgänger vorhanden sein. Rund vier Prozent Abiturienten erschienen – und erscheinen – als nicht hinreichende Zahl. Die Abschlüsse sollte weniger schichtenspezifisch zugeordnet, also chancengerechter verteilt, der einzelne Schüler sollte individuell besser gefördert werden.

Doch indem diese Ziele einseitig auf die Balken Abitur und Studium gekreuzigt wurden, gefährdete man eben das pädagogisch-psychologische Ziel: Der Nicht-Abiturient mußte und muß sich oft als Versager erfahren statt als anders befähigter, gleichberechtigter Schüler. Die gegenwärtige Abiturientenquote von 19 Prozent erscheint mittlerweile als Maximalquote, weitere Steigerungen müssen als Inflation der Qualität, als Verschärfung der Situation für Nicht-Abiturienten, übrigens auch als neue Hackordnung unter den Abiturienten und als Abkoppelung des Bildungssystems vom Arbeitsmarkt angesehen werden.

Auch wenn die Zahlen der Erstsemester von 1973 bis 1977 nur um etwa vier Prozent von 146 000 auf 152 000, die der Abiturienten hingegen im gleichen Zeitraum um 42 Prozent von 145 000 auf 205 000 stiegen, so darf sich niemand täuschen: In den nächsten Jahren, verursacht durch die großen Jahrgänge und eine zu sehr quantitativ betriebene Bildungsreform, kommt die Welle großer Abgängerzahlen. Im Jahr 1985 sind 130 000 Hochschulabsolventen zu erwarten, 1990 gar 180 000, wenn nicht gravierende Einstellungsänderungen vollzogen werden. Diese Abgängerzahlen treffen auf den durch niedrige Geburtenzahlen verringerten Bedarf im pädagogischen Bereich, auf kleine Pensionsjahrgänge, auf bedrängte gesamtwirtschaftliche Verhältnisse.

Soll Bildung helfen, die eigene Zukunft zu bestehen, so muß die Vielfalt der Wege, die Bedeutung der beruflichen Bildung nachdrücklich betont und die Entscheidung des einzelnen für seinen Weg aus nüchterner Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und der Arbeitsmarktsituation getroffen werden. Sollen diese Entscheidungen nicht in Sackgassen führen, so muß jeder Abschluß zugleich die Kuppelung für einen Anschluß abgeben, so muß – mit entsprechenden Ergänzungen – der spätere Weg zum Studium auch für den möglich sein, der sich anfangs für die berufliche Bildung entschieden hat. Damit ist nicht gemeint, daß die Meisterprüfung nun die allgemeine Hochschulreife ersetzen soll, wohl aber, daß der Weg ins mittlere Management nicht an Abitur und Studium gebunden sein muß und Hochschuleingangsprüfungen vorstellbar sind, die auch die berufliche Bewährung angemessen berücksichtigen.