Von Hans-Hagen Bremer

Im Zollamt von Poitiers, auf dem neuen Industriehof vor den Toren der historischen Provinzstadt im Südwesten Frankreichs, herrscht Hochbetrieb. Fast ohne Unterbrechung geht das Telephon. Anrufe aus Paris, Marseille und Le Havre. Auch aus den Niederlanden, Deutschland und Österreich kamen Anrufe. Sogar Tokio war an der Strippe. Ebenso wie die zahlreichen Reporter, die aus der französischen Hauptstadt in dem verschlafenen Provinznest einfielen, interessierten sich die Anrufer, Spediteure, Importeure, Händler zumeist nur für eine Frage: wie lange dauert die Einfuhrabfertigung für Video-Geräte?

Ein Blick auf den Hof des Zollamts vermittelt einen Eindruck davon, wie die Antworten ausgefallen sind. Vierzehn Lastwagen, beladen mit 13 000 Videogeräten, ungefähr soviel, wie die französischen Rundfunk- und Fernsehhändler normalerweise pro Woche an Geräten absetzen, warteten in der vergangenen Woche tagelang auf die zollamtliche Abfertigung ihrer Ladung.

Nur zwei Container, die mit 1400 Apparaten der Firma Philips aus der Videogerätefabrik bei Wien eingetroffen waren, erhielten nach sorgfältiger Öffnung eines jeden einzelnen Kartons, Inspizierung der Begleitpapiere, Verifizierung von Herstellungsnummern und anderen Kennzeichnungen die ungeduldig erwarteten Stempel für die Einfuhr. Eine halbe Stunde Kontrollzeit pro Gerät muß neuerdings bei der Abfertigung in Poitiers veranschlagt werden, während es früher bei der Zollabfertigung in Le Havre nur eine Stunde dauerte, bis ein ganzer Container zur Einfuhr freigegeben war.

In Le Havre begnügten sich die Zollinspektoren nämlich mit einigen Stichproben bei jeder Ladung. So kamen pro Woche 16 000 bis 20 000 Geräte neu in die Geschäfte der Rundfunk- und Fernsehhändler. Seit aber die neuesten Monatszahlen des französischen Außenhandelsdefizits auf das ganze Jahr hochgerechnet für 1982 ein Minus von hundert Milliarden Francs (36 Milliarden Mark) erwarten lassen, will Außenhandelsminister Michel Jobert ein Exempel statuieren.

Da in Frankreich derzeit nur wenig Videorecorder – von Philips in Le Mans – hergestellt werden, die wachsende Nachfrage der Franzosen also praktisch nur über Einfuhren gestillt werden kann, reißt das Videogeschäft ein Loch von zwei Milliarden Francs in die Handelsbilanz. Und da Minister Jobert höchstselbst entschieden hat, daß ein Videogerät nicht zu den "lebenswichtigen Bedürfnissen der Franzosen zählt, hält er das Videogerät für bestens geeignet, es einmal den Handelspartnern heimzuzahlen. Vor allem die Japaner, die achtzig Prozent des französischen Videomarktes bedienen, sollen endlich am eigenen Leib zu spüren bekommen, was unfaire Handelspraktiken sind-

So setzte Jobert Ende Oktober eine ministerielle Verordnung des für den Zoll zuständigen Budgetministers durch, mit der die gesamte Einfuhrabfertigung für Videogeräte nach Poitiers verlegt wird. Die Stadt ist von Marseille und Le Havre, den Entladehäfen, wo die aus Japan eintreffenden Container bisher abgefertigt wurden, etwa gleich weit entfernt.