Von Wolfgang Gehrmann

Der Stoff hält ewig – und ist doch am Ende. Nicht Wind und Wetter, nicht Feuer, Fäulnis oder ätzender Industriedunst können Asbestzement zerstören. Doch „wie ein Erdbeben“, so damals der Boß des größten deutschen Asbest-Baustoffherstellers Eternit, erschütterte Ende 1980 ein Bericht des Umweltbundesamtes die Welt all jener, die mit dem dauerhaften Mineral bis dato gut verdient hatten.

Die Expertise machte breit publik, was Fachleute schon lange wußten: Der Stoff ist nützlich, doch leider todbringend. Die winzigen Fasern des Minerals – als feiner Staub bei der Bearbeitung asbesthaltiger Materialien inhaliert – zerstören die Atemorgane und verursachen Lungenkrebs. Allein durch diesen Krebs, so der Bericht, kommen in der Bundesrepublik jährlich viertausend Menschen um.

Bedroht vom staatlichen Verbot des todbringenden Stoffs sah sich ein ganzer Industriezweig mit drei Milliarden Mark Jahresumsatz vor dem Exitus. Eternit-Chef Wolf Lehmann damals düster: „Das wird mit Sicherheit Opfer in Gestalt von Kurzarbeit und Entlassungen fordern.“ Kaum war der Alarmbericht heraus, stornierten Eternit-Kunden Bestellungen für Fassadenplatten und Dachmaterial aus Asbestzement. Selbst harmlose Blumenkästen aus dem heiklen Werkstoff gingen nicht mehr. In Heidelberg gar verweigerten Mieter in mit Asbestzement verkleideten Siedlungshäusern die Mietzahlung.

Wie Eternit, dem Marktführer, erging es auch der Konkurrenz. Und nicht nur die Baustoffirmen, die fast zwei Drittel der rund 160 000 Tonnen Asbest jährlich in der Bundesrepublik verarbeiteten, waren geschockt. Noch etliche andere Asbest-Branchen standen vor dem Ruin.

Das Mineral der tausend Möglichkeiten macht Brems- und Kupplungsbeläge in unseren Autos resistent gegen Reibung. Dichtungen in den Rohrleitungssystemen von Kraftwerken und Chemieanlagen enthalten Asbest, um fest gegen Druck und Hitze, um beständig gegen aggressive Chemikalien zu sein. Filter in der Getränkeindustrie und in den Pharmafabriken sind mit dem Mineral bestückt, Öfen und Heizkessel mit Asbest ausgekleidet. Auf Schiffen und in den Stahlkonstruktionen von Hallen und Häusern sorgen Asbestbeschichtungen für Feuerschutz. Sicherheitskleidung aus asbestbewehrten Fasern macht die Arbeit am Hochofen erträglich und schützt die Feuerwehr. Straßendecken werden durch Beimengung des Minerals dauerhafter.

Die Hersteller all dieser nützlichen rund dreitausend Produkte mußten vor zwei Jahren befürchten, daß Bonn ihren prekären Rohstoff mit dem Bann belegte. Innenminister Gerhart Rudolf Baum hätte auch gern Asbest schlicht verboten. Doch die um Arbeitsplätze besorgten Kollegen im Sozial- und Wirtschaftsressort erlaubten dem Liberalen nur mit kleinem Kaliber gegen den tückischen Stoff zu schießen.