Von Christoph Bertram

Jetzt steht er als Nachfolger Leonid Breschnjews an der Spitze der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und damit auf dem Gipfel der Macht: Jurij Andropow.

Die Stationen seines Lebens entsprechen nicht der kommunistischen Bilderbuchkarriere: 1914 im Nordkaukasus geboren, der Vater Eisenbahner, die Mutter soll aus einer jüdischen Familie stammen, Seit 1939 ist er in der Partei, zunächst Jugend-, dann Parteisekretär in Karelien, der im finnisch-russischen Winterkrieg umkämpften Sowjetrepublik. 1954 bis 1957 ist er sowjetischer Botschafter in Ungarn. Budapest bringt ihm die unmittelbare Begegnung mit der großen – und schmutzigen – Politik: Er zieht die Drähte, als die Ungarn unter Imre Nagy gegen die Sowjetunion rebellieren und Moskau zum Gegenschlag ausholt, Er ist umgänglich, verkehrt in den Salons der Intellektuellen, küßt den Frauen die Hände. Die Täuschung gelingt: Der Wiedereinmarsch sowjetischer Truppen überrascht die ungarische Führung, Aber Andropow ist es auch, der Janos Kádár zum Nachfolger Nagys auswählt und dann stützt – Kädar, der nach langen Jahren sein Land aus den Wirren heraus- und auf einen erfolgreichen wirtschaftlichen Reformkurs führt. Die Verbindung zwischen beiden Männern ist seither nie abgerissen.

Nach 1957 ist Andropow zehn Jahre lang im Moskauer Zentralkomitee für die sozialistischen Länder zuständig – Osteuropa gehört dazu, aber auch China. Dann folgt 1967 der große Sprung: Er wird Vorsitzender des "Komitees für Staatssicherheit", Chef des KGB. Von 1973 an sitzt er auch im Politbüro, zugleich im Obersten Verteidigungsrat. Im Mai 1982 tritt er die Nachfolge Suslows an, des gerade verstorbenen Gralshüters der Parteiideologie. Seitdem ist er ein klarer Anwärter auf das höchste Amt, das er nun nach Breschnjews Tod erreicht hat, 68 Jahre alt.

Der Mann ist kein Abziehbild des typischen Politbüromitglieds. Seinen Aufstieg verdankt er keiner "Seilschaft", sondern eigenem Verdienst. Er stieg auf, weil er mit Sachverstand, Geschick und Bewährung die Ämter versah, die ihm die Partei anvertraute. Ihr allein ist er verpflichtet. Sonst ist er niemandem etwas schuldig, den Militärs nicht und auch nicht der Breschnjew-Fraktion, die als Nachfolger Tschernenko favorisiert hatte,

In der Tat hat sich Jurij Andropow in seinen bisherigen Aufgaben bewährt. In Ungarn behielt er nicht nur seinen kühlen Kopf bei der Niederschlagung des Aufstandes gegen die Sowjetmacht, er hatte auch die politische Phantasie, auf Kádár und dessen Reformen zu setzen. Als Chef der Abteilung "Sozialistische Länder", die er im Jahr nach den Unruhen in Polen und Ungarn übernahm, definierte er die pragmatische sowjetische Linie. Den Osteuropäern wurden nationale Eigenheiten auf dem Weg zum Sozialismus gestattet, solange nur zwei Bedingungen gewahrt blieben: der absolute Vorrang der Partei und die unverbrüchliche Bindung an die Sowjetunion. Der Prager Frühling und die nachfolgende Invasion sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei wurden Andropow wohl auch deshalb nicht als Fehlschlag angelastet, weil seine beiden Bedingungen die Kriterien setzten, die dann auch die sowjetische Reaktion rechtfertigen halfen.

Und er hatte wiederum Erfolg bei der schwierigen Aufgabe, die Breschnjew und die Partei ihm 1967 übertrugen: der Leitung des Geheimdienstes. Auch hier blieb er hart in den Prinzipien und flexibel im Stil. Korruption verfolgte er bis in die höchsten Kreise des Sowjetreiches; auch die Moskauer Schickeria um die Breschnjew-Tochter Galina blieb nicht verschont. Das Image des KGB wurde unter seiner Führung aufgebügelt. Der kleinen Schar der Aufsässigen – Dissidenten, Künstler, Gewerkschaftler, Wissenschaftler – begegnete er zumeist ohne die grobe Brutalität, die nur Märtyrer schafft und schlechte Publicity einträgt: Lieber isolierte und drangsalierte er die Regimegegner, bis ihrer Bewegung die Luft ausging. Die Methode zahlte sich aus. Wenn sie bislang bei Andrej Sacharow nicht verfangen hat, dann spricht das weniger gegen die Politik Andropows als für die überragende moralische Kraft des Internierten von Gorki (das übrigens in Andropows Wahlkreis liegt).