/ Von Gero von Boehm

Tiger-Ray schlägt kurz vor Mitternacht zu. Die leere Ginflasche hinterläßt tiefe Wunden in Angelos Kopfhaut. Der Puertoricaner liegt ohnmächtig zwischen Weggeworfenem. Jetzt kriecht die Ambulanz wie ein bizarres Fabelwesen durch das Autoknäuel auf der 8. Avenue. Mal läßt der Fahrer die Sirene nur rülpsen, mal werfen Häuserschluchten hysterisches Heulen zurück. Angelo ist sechzehn und handelt mit "Shit" (Haschisch), Aufputschmitteln und manchmal LSD. Das Geschäft läuft schlecht in dieser Nacht, und daß er Tiger-Ray unterboten hat und schließlich den Deal mit einem der spärlich aufkreuzenden Kunden machte, wurde Angelo zum Verhängnis.

Der Schauplatz: Ecke 42. Straße und 8. Avenue. Eldorado der schnellen Genüsse. Als Angelo hier anfing, war er dreizehn und in einem anderen Geschäftszweig tätig. Ältere Männer ganz in Grau bezahlten ein paar Minuten in einer dunklen Ecke mit harten Dollars. Der Lust-Gewinn trug zur Ernährung der Familie in Upper Harlem bei. Angelos hübsche Schwester Leta arbeitet gegenüber, im "Show World". Das ist ein Supermarkt des Sex. Peep-Shows mit Protagonisten jedweden Geschlechts, Filme in Einzelkabinen und allerlei Spielzeug wohlfeil auf drei Stockwerken. Die Klimaanlage läuft auf Stufe drei. Keep cool beim 24-Stunden-Marathon der Trennscheibenerotik. Seit den Horrorgeschichten über die Zunahme von Geschlechtskrankheiten in der Stadt läuft das Geschäft wieder besser, sagt der Besitzer. Das Desinfektionsmittel riecht nach Pfefferminz und Sägespänen. In einer der großen Peep-Shows tritt Angelos Schwester live mit ihrem ansonsten arbeitslosen Freund auf. Die gierigen Augen hinter Gucklöchern, die sich pausenlos öffnen und schließen, vergessen sie einfach. Routine, sagen sie, hat anfängliches Herzklopfen abgelöst. Es klappt jetzt ganz gut. Das Spiel ist glaubhaft.

In der Abteilung nebenan lehnen Mädchen, meist Farbige, vor trennscheibenhalbierten Zellen. Lecken sich die Lippen, wenn jemand sie mustert. Man kann gegen Münzgeld per Telephon Befehle von der einen in die andere Hälfte der Zelle schicken. Das Mädchen führt sie an sich aus. Jeder der Regisseur seiner Phantasien. Letztes Jahr noch zeigten sie hier "Burlesken", Strip-Shows auf einer richtigen Bühne, in einem richtigen kleinen Theatersaal. Aber zweimal Peep auf gleichem Raum macht mehr Umsatz. Als die legendäre Mae West vor Jahren eine Peep-Show an der 42. Straße besuchte, prophezeite sie der damals neuen Welle ein schnelles Ende: "No sex appeal." Wie gut sich Sex ohne Appeal verkauft, zeigen die erklecklichen Gewinne, die sich trotz hoher Mieten erzielen lassen.

Es hat geregnet. Durch tiefhängende Woll beschwören die neonbeleuchteten Art-Deco-Zacken des Chrysler Building bessere Zeiten, die die Straße gesehen hat. Große Namen bevölkerten die Meile vom East River bis zum Hudson. Das Shubert’s Lyric, das Apollo und das Liberty prägten die New Yorker Theaterwelt ebenso wie Oscar Hammersteins Republic oder das New Amsterdam, in dem von 1913 bis 1927 die Ziegfeld Follies tanzten. Heute tobt in dem architektonisch und akustisch einmaligen Saal "Amityville Horror", römisch zwei. Nebenan, im Knickerbocker Hotel, von dessen Balkon Enrico Caruso mit einem Winken die Massen zu beglücken pflegte, sind Büros untergebracht. Rechts und links konkurrierten die Frequenz der Prügeleien in Kung-Fu-Filmen mit der Frequenz des Geschlechtsverkehrs in Pornostreifen.

Lautlose Kommunikation

Als die Bilder laufen lernten, wurde die 42. Straße vom Theatermekka zur Kinomeile. Von da an ging’s bergab. Vor allem in den fünfziger Jahren wurden dem Image der Straße tiefe Wunden geschlagen. McCarthy-Ära und Wirtschaftskrise wirkten sich auf das Unterhaltungsgeschäft aus; die Qualität war nicht mehr zu halten. Und dann das Fernsehen: Die amerikanische Leidenschaft für neue Formen des Entertainment hob das TV sogleich in die höchste Publikumsgunst. Den Lichtspiel-Palästen an der 42. Straße blieben nur noch die Marktlücken, die die puritanischen Massenmedien nicht füllen konnten: Porno und Gewalt. Schnell hatte The Strip jenen Ruf weg, der auch für andere verbotene Vergnügungen Humus ist. Heute hat die Straße ihre Funktion in der Stadt.