Mit schöner Regelmäßigkeit entdecken die Briten, daß in den Zentren ihrer Spionage und Gegenspionage Agenten fremder Mächte sitzen.

Englische Linguisten unterscheiden sich von englischen Diplomaten dadurch, daß sie Fremdsprachen können, und zwar nicht nur Amerikanisch. Bisher stellten die Diplomaten die besten Spione gegen das eigene Land. Jetzt hat ein Linguist für 14 Jahre Verrat 35 Jahre Haft bekommen. Der 44jährige Geoffrey Prime kommt aus der Luftwaffe und nicht von der Universität Cambridge. Um so kürzeren Prozeß machte man mit ihm: In zwei Stunden war die Verhandlung beendet.

Manche seiner Landsleute wittern neuen Verrat. Wurde da vielleicht einiges unter den Teppich gekehrt? Die Premierministerin versicherte dem Parlament, nichts spräche gegen weitere Beteiligte. Aber die Amerikaner reden offen darüber, daß vielmehr alles dafür spricht. Aus transatlantischen Quellen will die Sunday Times wissen, man vermute einen Spionagering von bis zu fünf Personen.

Der so harmlos als Linguist bezeichnete Prime hatte Zugang zu allen Kenntnissen, die die angelsächsischen und ihre Verbündeten abfingen, dechiffrierten, horteten und auswerteten. Zu wissen, was der Westen weiß, muß für Moskau unentbehrlich sein. Schwersten Schaden habe Prime dem Lande zugefügt, sagten der Chefankläger und die Regierungschefin.

Warum wurde er denn nicht gleich nach der Festnahme vom Geheimdienst in die Mangel genommen? Der befragt nämlich Prime erst jetzt, nach dem Prozeß. Vorher grillte ihn nur die Polizei, die natürlich keine Ahnung haben konnte, welche Antworten sie eigentlich herausbringen sollte. Aber hätten die Experten Prime befragt, wären die Resultate ja Material vor Gericht gewesen. Da begnügte man sich mit seinem Schuldbekenntnis und geheimer Verhandlung. Geheim war sie wohl deshalb, damit die Russen nichts merkten. (Oder die Briten?)

Denn selbst oberflächliche Le-Carre-Leser sehen, daß hier nicht alle Maulwürfe ans Licht des Tages geholt worden sind. Von 1968 bis 1982 trieb Prime sein tristes Handwerk für Moskau. Doch schon 19 17 verließ er das Kommunikations-Hauptquartier der Regierung in Cheltenham. Er wurde Taxifahrer.

Seine Tätigkeit für den Feind konnte ja kaum von den Akten leben, die zerstreute Wissenschaftler gelegentlich in Mietwagen liegenlassen. Also hatte er entweder weiter Zugang zur Abwehr-Hochburg – das ist fast ausgeschlossen – oder aber Freunde, die dort noch beschäftigt waren. Haben sie etwa durch die verzögerte Befragung Primes die Chance gehabt, sich abzusetzen? Die Amerikaner jedenfalls betrachten fortan die Panzerschränke von Cheltenham als löchrig wie Schweizer Käse.