Meret Oppenheim: neben Giorgia O’Keefe und Louise Nevelson ist sie die dritte große Dame der Kunst. Im nächsten Jahr wird sie, 1913 in Berlin geboren und dann in Süddeutschland und der Schweiz aufgewachsen, siebzig Jahre alt. Immer wieder wird über sie im Märchen- und Fabelton geschrieben und gesprochen.

Mit Anmut und einer Spur von begreiflichem Unmut trägt sie es, immer wieder den spektakulären Beginn ihres Künstlerdaseins referiert zu bekommen: 1934 das legendäre Photo von Man Ray, Meret Oppenheim als Halbakt hinter dem Rad einer Druckpresse, ein "erotisches Traumbild par excellence", wie es in der Monographie zu Recht heißt; 1936 ihre "Pelztasse", die kaum entstanden,

schon für das "Museum of Modern Art" gekauft wird; im selben Jahr schreibt Max Ernst für die Einladungskarte der ersten Einzelausstellung ihr das eigene Märchen: "Mit fünfzehn Jahren verläßt sie Vater und Mutter, um den halbwüchsigen Eisenbahnen und den ihr wichtigsten Seezungen nachzujagen. Mit zwanzig verschließt sie sich vornehm in eine Luftspalte und verschluckt den Schlüssel. Nach vierzigtägigem Fasten bricht sie plötzlich aus und spielt seitdem gerne – warum wohl? – mit den Griffelfortsätzen der Küstenländer und Vorgebirge. Die Schiffbrüchigen und die Gichtbrüchigen. ... Mit einem Wort, sie ist ein lebendes Exempel für den uralten Lehrsatz: Das Weib ist ein mit weißem Marmor belegtes Brötchen. Wer überzieht die Suppenlöffel mit kostbarem Pelzwerk? Das Meretlein. Wer ist uns über den Kopf gewachsen? Das Meretlein..."

Meret Oppenheim ist 1937 wieder in die Schweiz zurückgegangen, sie hat 1939 in Basel die Kunstgewerbeschule besucht, um das Handwerk ihres Berufs nachzuholen. Sie hat dann über viele Jahre hindurch nur wenig gearbeitet, hat viele Jahre lang das, was sie selbst ihre Krise nennt, durchlebt und eigentlich erst seit 1954 wieder kontinuierlich und mit neuem Elan gearbeitet.

Wenn man eine große Ausstellung ihrer Arbeiten sieht, dann fällt vor allem das auf: Hier addiert sich keine pompöse Retrospektive aus Frühwerk, mittlerer Epoche und Spätwerk, sind keine Entwicklungslinien und Werkphasen auszumachen. Eine Arbeit steht neben der anderen: die Collage neben dem Ölbild, neben der kleinen Bleistift-Zeichnung, neben dem Bronzeguß. Der gemeinsame Nenner ist nicht Stil oder Material oder Absicht, sondern eine Spielart der Poesie. Nicht zufällig hat Meret Oppenheim auch ein paar Gedichte von zarter Bizarrene geschrieben.

Sie eine surrealistische Künstlerin zu nennen, liegt nahe, wenn man ihre Herkunft und frühen Freundschaften bedenkt (leise Anklänge zu vor allem Max Ernst und Arp geistern hier und da durch ihr Werk), auch ihre Lust an der Collage und ungewöhnlichen Materialien und schließlich die Art, in der Arbeiten oft durch einen verblüffenden Titel in eine Dimension der Verwirrung entrückt werden. Ein fischartiges Gebilde mit einem doppelt gespitzten Pfeil heißt "Dort fliegt sie, die Geliebte ‚ ein schwarzes Plastik-Set mit Schrift heißt "Briefpapier für schwarzen Schwan", ein wie mit Zirkel und Dreieck entworfenes Ölbild heißt "Teich im Park". Aber Meret Oppenheims Umgang mit Traum und Phantasie ist nie selbstbewußt oder kokett, das Geheimnisvolle wird von ihr nicht kultiviert. Es gibt kein Sendungsbewußtsein bei ihr,, keine Routine, jedesmal fängt sie neu an. Und oft bleibt da ein Air von Resignation im luftleerem Raum zwischen den Wörtern und den Bildern, dem Köder und dem Fisch. Aber gerade deshalb hat Meret Oppenheim auch heute ein Recht auf Gegenwart. P. K.