Von Doris Gröschke-Bachmann

Kurz nach seinem 75. Geburtstag schoß sich der Metzgermeister mit einem Bolzenschußapparat in den Kopf. Er war sofort tot. Wie seine Kinder später berichteten, hatte er bei seiner Pensionierung vor zehn Jahren den Schußapparat, mit dem er sein Leben lang Schweine getötet hatte, zur Seite gelegt mit der Bemerkung: "Eine Patrone hebe ich mir auf, für alle Fälle." Damals hatte niemand darüber nachgedacht, was er damit wohl gemeint haben könnte.

Der Fall erinnert an die in der Literatur über Selbstmordhandlungen viel zitierte brutale Selbsttötung eines Schmiedes, der seinen Kopf zwischen die Blöcke eines Schraubstockes legte und mit der Rechten das Gerät zudrehte, bis der Schädel zerbrach. Das Werkzeug, mit dem er ein Leben lang seine Arbeit verrichtet hatte, diente ihm auch am Ende seiner Tätigkeit dazu, sich selbst auszulöschen.

Eine ungewöhnlich grausame Art der Selbsttötung? Grausam, doch nicht so ungewöhnlich, wie man auf den ersten Blick annehmen möchte. Vor allem alte Menschen greifen, wenn sie aus dem Leben gehen wollen, oft zu brutalen, schnell und sicher wirkenden Methoden: Erhängen, Erschießen, Ertränken oder der Sturz in die Tiefe sind die bevorzugten Tötungsarten im Alter.

Hoffnungslosigkeit und ernsthafte Todesabsicht sprechen aus dieser Art der Selbsttötung. Jährlich begehen in der Bundesrepublik etwa 3500 über 65 Jahre alte Menschen Selbstmord. Das bedeutet, daß mehr als 25 Prozent aller Selbstmorde Altersselbstmorde sind. Wahrscheinlich liegt die Zahl der Selbstmorde alter Menschen noch erheblich höher, da so mancher Suizid im Alter irrtümlich als natürlicher Tod oder Unglücksfall interpretiert wird.

Über den Selbstmord im Jugend- und mittleren Erwachsenenalter ist viel geschrieben und auch nachgeforscht worden; am Altersselbstmord hingegen zeigt sich nicht einmal die Wissenschaft besonders interessiert, und in der Öffentlichkeit wird der Selbstmord im Alter kaum beachtet.

Woher rührt dieses Desinteresse am Freitod alter Menschen? Ein Grund dafür mag sein, daß der Altersselbstmord immer noch als "Bilanzselbstmord" verkannt wird. Man geht davon aus, daß der alte Mensch sich nach rationalen Überlegungen ganz bewußt für den Freitod entschieden hat. Im Hinblick auf seine Zukunft, so mögen sich viele vorstellen, hat er nüchtern Bilanz von Gewinn und Verlust gezogen und in Anbetracht der Tatsache, daß ein erfülltes Leben hinter ihm liegt und ihn nur noch Siechtum und Tod erwarten können, dann den Selbstmord gewählt.