Von Gerhard Spörl

Diesmal durfte es keine Panne geben. Zwei Wochen lang lagen Dutzende Terroristenfahnder im Frankfurter Stadtwald auf der Lauer. Die einen lustwandelten wie harmlose Herbst-Spaziergänger; die anderen hatten sich, sorgsam getarnt, in der Tannenschonung versteht, Dann kamen sie endlich, zwei junge, langgesuchte Terroristinnen aus der "Roten Armee Fraktion" (RAF). Sie hatten keine Chance. Adelheid Schulz, 27, hob sofort die Hände; Brigitte Mohnhaupt, 33, sprang hinter sie und wollte ihre schwere, durchgeladene Waffe ziehen. Blitzschnell wurde sie von den Anti-Terror-Spezialisten der GSG 9 überwältigt.

Brigitte Mohnhaupt wollte nicht an Zufall glauben. "Da ist der Verräter", schrie sie wütend: Einer der Beamten ähnelte Peter-Jürgen Boock, der mit ihr im Untergrund gelebt hatte und schon vor knapp zwei Jahren gefaßt worden war. Aber es war kein Vorrat, es war viel einfacher: Österreichische Pilzsammler hatten eine nur notdürftig verscharrte Waffenkiste im Wald entdeckt. Als die Terroristenjäger weitergruben, waren sie elektrisiert. Sie waren auf ein Zentraldepot der RAF gestoßen, "voller Schätze wie ein Pharaonengrab", wie Horst Herold, der ehemalige Chef des Bundeskriminalamtes, zu sagen pflegte. Dort lagerten Revolver, Gewehre und Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff, neueste Paßbilder von Christian Klar – dem meistgesuchten Terroristen – und jene Waffen, mit denen Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer ermordet worden sind; Geld aus einem Banküberfall in Bochum, bei dem die RAF ihre Kriegskasse aufgestockt hatte, und jede Menge gefälschter Ausweise und Autokennzeichen. "Ein prachtvoller Einbruch in deren Logistik", stellte ein Verfassungsschützer grimmig und erleichtert fest. Ein derart sorgfältig zusammengetragenes Depot abschreiben zu müssen, sei für die RAF noch schlimmer als der Verlust der beiden "Kämpferinnen".

Die Genugtuung über die gelungene "Aktion Eichhörnchen" ist groß. Dennoch ist man im Bundeskriminalamt überzeugt, daß das Rest-Corps seinen "Krieg in der Metropole Bundesrepublik" nicht aufgeben wird. Seit 1977, dem blutigsten Jahr des Terrorismus, sind zwanzig RAF-Leute gefaßt oder bei der Festnahme erschossen worden. "Jetzt, ohne die Mohnhaupt und die Schulz, sind höchstens noch fünfzehn bis zwanzig Leute im Untergrund", so ist die Einschätzung in Wiesbaden. "Aber das reicht für neue Aktionen – und die kommen bestimmt." Jetzt werden erst, einmal die Fahndungslisten auf den neuesten Stand gebracht; denn – das weiß man dank des Frankfurter Fundes – der RAF ist es gelungen, Nachwuchs zu rekrutieren. In den Randzonen unserer Gesellschaft gibt es noch immer junge Leute, die sich von der Gewalt und dem Leben im Untergrund faszinieren lassen.

Ganze Heerscharen von Soziologen und Psychologen sind schon daran gescheitert, plausible Gründe für die Anziehungskraft der Stadtguerilla zu finden. Für Brigitte Mohnhaupt ist das ganz einfach. Als der kleinen, blonden Frau vor sechs Jahren schon einmal der Prozeß gemacht wurde, dozierte sie im belfernden Ton, den einst Ulrike Meinhof für ihre Gruppe verbindlich gemacht hatte: "Guerilla ist ’ne Hydra, das heißt, sie kriegt immer neue Köpfe."

Der Weg, auf dem Brigitte Mohnhaupt ein Kopf der Hydra wurde, ist nichts weniger als auffällig und doch gleichzeitig symptomatisch für manchen Terroristen ihrer Generation. Ende der sechziger Jahre war sie eine sensible und verletzliche Studentin in München ohne Hang zur Revolte. Keiner weiß, warum das idealistische und ein bißchen versponnene Mädchen aus bürgerlichem Hause plötzlich im ausgeflippten Rest der Studentenbewegung aufging. Sie gründete mit Ralf Reinders, Rolf Heißler, Rolf Pohle, Fritz Teufel und Irmgard Möller – später allesamt wegen Terrortaten vor Gericht – die "Tupamaros München", die im Stile der RAF Bombenanschläge und "anti-imperialistische Aktionen" ins Kalkül zogen. Bald verschwindet Brigitte Mohnhaupt im Untergrund. Im Jahre 1972 läuft sie, bewaffnet mit schußbereiter Pistole und selbstgebastelter Handgranate, Berliner Fahndern in die Arme; sie muß für viereinhalb Jahre ins Gefängnis.

Zeit zur Umkehr? Eher zur Schulung: Das letzte halbe Jahr ihrer Haft verbringt sie in Stammheim, dort, wo Andreas Baader, Jan Carl Raspe und Gudrun Ensslin seit langem einsitzen. Sie wird zur gelehrigen Schülerin der RAF-Gründer, die den "Krieg aus dem Knast heraus" anführen. Wenn jemals ein Mitglied der kommenden RAF-Generation gewußt hat, was die "Stammheimer" über die Fortsetzung des Untergrundkampfes dachten, dann ist es Brigitte Mohnhaupt. Und mehr noch: Als sie im Februar 1977 entlassen wird, kehrt sie "mit Befehlsgewalt" in die Freiheit zurück. Es war, so wird heute kolportiert, das Vermächtnis Baaders, daß sie der Kopf der Hydra sein sollte.