In Bio-Läden werden Waren und Ideen umgesetzt

Von Gunhild Freese

Das Sortiment ist klein, aber kernig: Birchermüsli, vier Sorten Bio-Brot, Öko-Gemüse, Kräuter, Obst- und Gemüsekonserven, Honig, Konfitüren und Säfte. Doch diese Bio-Lebensmittel füllen nicht die Regale von "Kürbiskern" oder "Kornkammer", von "Biogarten" oder "Lebensbaum" oder sonst einem der zahlreichen alternativen Läden. Sie sind in Deutschlands größter und feinster Lebensmitteletage zu finden: im sechsten Stock des Berliner Warenhauses KaDe-We, dem Flaggschiff des Frankfurter Hertie-Konzerns.

Hat der herkömmliche Handel die neuen florierenden Märkte entdeckt und reißt nun das Geschäft mit alternativen Produkten an sich? Das Interesse von Supermärkten und Gemüsegeschäften an Öko-Möhren und Bio-Broten ist beträchtlich. "Die sehen den Modemarkt", sagt Jürgen Berger, dessen Verteilerdienst in Hamburg-Altona ausschließlich Erzeugnisse aus biologisch-dynamischem Anbau (Markenzeichen: Demeter und Biodyn) von den Erzeugern an den Einzelhandel weiterleitet.

Aber eben nicht an jeden Händler.

Der Verteilerdienst, der zur Demeter-Organisation gehört, will nicht nach den alten Handelsmechanismen arbeiten. Berger: "Wir wollen eng mit der Kundschaft und den Bauern zusammenarbeiten." Nur dorthin, wo enge Kontakte zwischen Händler und Konsumenten möglich sind und auch gesucht werden, liefert er Kohlrabi und Kartoffeln, Käse, Milch und Teigwaren. Das sind in Hamburg an die zwanzig Naturkostläden und über vierzig Reformhäuser. "Nur wenn das einmal für die Vermarktung nicht ausreicht, dann", so meint Verteiler Berger, "könnte man auch an bestimmte andere Händler liefern." Doch noch steht er in der "privilegierten Position", gar nicht so viel liefern zu können, wie nachgefragt wird.

Denn seit die Bundesbürger durch Umweltskandale, Östrogenfunde in Kalbfleisch und Babykost, mit Pflanzenschutzmittel verseuchte Fische und Rückstandsfunde bei Obst und Gemüse aufgeschreckt wurden, seit Bürgerinitiativen und Umweltschützer lauthals Mißstände öffentlich machen, bekommen die grünen Läden, einst Gettobasare für Studenten, Öko-Freaks und Altanhänger der Reformidee, immer mehr Zulauf. Wenn schon die Brigitte Rezepte für alternative Kost verbreitet, Essen & Trinken gar eine Rezeptreihe für "Selbstversorger" veröffentlicht und das Magazin DM unter der Titelgeschichte "Noch mehr Gift im Essen" auffordert: "Schützen Sie sich gegen Gifte", dann erreicht die Botschaft fast schon den letzten Ignoranten. In nett aufgemachten Broschüren liefern die örtlichen Verbraucherzentralen einschlägige Tips und Adressen. So gesellen sich denn zu den Stammkunden der Bio-Läden immer mehr Müsli-Anhänger aus der gehobenen und einkommensstarken Mittelschicht.